Es gibt doch nichts über die Jahresrückblicke und Jahresbestenlisten. Noch einmal über alles freuen oder aufregen, und dann ist endlich Schluss. Bevor es in wenigen Tagen wieder von vorne losgeht. Das erste Viertel unseres neuen Jahrhunderts, das einst mit der apokalyptischen Angst vor dem Millennium-Bug (Y2K) begann, liegt bald hinter uns. Oder um es im Brainrot-Sprech zu sagen: Six-Seven.
Fahrendes Volk (Dub-Version)
Zentrale Fragen im Musikgeschäft: Bringe ich ein Album heraus, um endlich wieder auf Tour zu gehen, oder fahre ich auf Tour, um mein neues Album zu promoten.
Die Zeiten, in denen sich eine Band einfach so einen guten Liveruf erspielen konnte, sind weitestgehend vorbei. Wobei das möglicherweise auch gar nicht so stimmt, und nur eine über viele Jahre nachgeplapperte Erzählung ist, von der am Ende vor allem Ticketing-Firmen und Streaming- wie Social-Media-Plattformen profitieren.
Das Geschäft der Aufmerksamkeitsökonomie.
Ja, genau liebe Veranstalter:innen! Hängt doch einfach mal wieder ein Poster auf oder ruft Eure liebsten Freunde an!
Superspace?! Wow!
Da hat es diese Woche doch glatt unser good old BND geschafft, den Trump-Brothers für einen Moment die Show zu stehlen. Naja, strenggenommen waren es ein paar investigative Journalist:innen von SZ, NZZ und ZEIT, die herausgefunden haben, dass der BND offenbar schon 2020 gewusst haben will, das der Corona-Virus eben doch aus einem Labor in Wuhan entflohen, und nicht von irgendwelchen Fledermäusen auf den Menschen übergesprungen ist!
Das Kanzleramt hielt den Laborunfall wohl schon unter Merkel aber auch unter Scholz unter Verschluss. Allerdings muss man sagen, das es wohl nur mit einer 80-95% Wahrscheinlichkeit so ist! Man muss allerdings auch sagen, dass schon bei wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeiten ganz andere mediale wie politische Fässer aufgemacht wurden. Ja, als ob wir in einer Kultur der belastbaren Fakten leben würden! Also wirklich.
Like a Polaroid picture
Es gibt aktuell wohl kein fiktives Unterhaltungsformat, das mit den täglichen Meldungen und Bewegtbildern aus dem weißen Haus mithalten kann. Ein Drama, ein Polit-Thriller und eine unfassliche Real-Satire in einem.
Das bewusst Anti-Intellektuelle, Mafia-Gang-mäßige, Macho-hafte, brutale wie skrupellose herrschaftliche Auftreten von Trump & Co. nimmt gerade jeden Tag so viel Raum ein, das eine neue Pop-Single eines Indiesternchens aus deutschen Landen ungefähr den Neuigkeitswert einer Werbe-Anzeige eines Produkts aus dem Hause Rügenwalder im kostenlosen Wochenblättchen hat.
Ja, genau: Das Veggieschnitzel diese Woche nur 2,90 Euro! Dabei explodieren gerade an anderer Stelle die Rindfleischpreise! Und zack! Da ist sie auch schon wieder. Die Forderung nach einer Dönerpreisbremse! Zugegeben: Das hat schon etwas mehr Punch…
Schlager, Krieg und Richtungswahl!
Schon seit vielen Jahren träumen wir im Hause Staatsakt von einem echten Schlagerstar im Artist-Roster. Und eigentlich war schon seit Jahren klar, das es sich bei diesem Star nur um die Sängerin und Schauspielerin Verena Unbehaun handeln kann. Jetzt hat es gefühlt 20 Jahre gedauert, aber wir sind heute umso glücklicher, endlich die erste Unbehaun-Single Schrei auf dem Balkon veröffentlichen zu dürfen.
Ihre Melange klingt für uns einfach perfekt: Die Schlagerromantik der BRD-1 (zwischen Frankfurter Kranz und Frankfurter Schule), durchkreuzt mit der für die Generation-X typische ironische Distanzierung hin Bataille-esquen körperlichen Entgrenzungs- und Verschwendungsfantasien der Theatergegenwart zwischen Paul McCarthy und Florentina Holzinger. Unbehaun begibt sich in all das für uns hinein (dort wo es weh tut!), stolpert, schluchzt, stottert, haut die Lockenwickler rein, schüttelt sich, häutet sich und wird schließlich zu einer tänzelnden Schlager-Spinne mit 8 tapferen Beinchen. Am Ende ist sie einfach nur noch erschöpft von sich selbst!
Freiheit, die ich meine
Die Versprechungen von weniger Staat und noch mehr individueller Freiheit sind zwar größtenteils komplett unhaltbar, weil ja der Staat mit seinen unzähligen Aufgaben die Möglichkeiten zur freien Entfaltung überhaupt erst möglich macht, und in allen Gesellschaften doch immer auch der individuelle Kontostand über weitere Möglichkeiten der freien Entfaltung nach Gusto entscheidet. Aber klar, über all diese Grundregeln lässt sich als privilegiertes Gewohnheitstier sehr leicht hinwegsehen. Und auch klar: Kaum jemand freut sich am Ende des Tages über seinen neuen Steuerbescheid.
Spätestens seit der Corona-Pandemie und den damit verbundenen individuellen Einschränkungen scheinen viele Menschen sich von der grundsätzlichen Idee einer Solidargemeinschaft nicht mehr so richtig überzeugen zu lassen.
Komm ins Team Chris!
Es ist schon erstaunlich, wie gerade in Berlin gewisse Leute geplante staatliche Kürzungen in der Kultur beklagen, die in den letzten Monaten vor allem dazu aufgefordert haben, alle Veranstaltungen, die mit deutschen Kulturgeldern gefördert wurden, zu boykottieren!
Als Old-School-Dialektiker:innen der Generation X gerät man in solchen Fällen schon mal an seine Grenzen.
Sowieso sollte uns doch hoffentlich allen sein: Sich in dieser Welt auf staatliche Kulturförderung als Lebensgrundlage zu verlassen, ist absurd.
Was wir viel mehr bräuchten, sind vernünftigere Rahmenbedingungen! Von Mindestgagen bis zur Monopolzerschlagung im Ticket-Verkauf ist gerade im Musikgeschäft die Rede, Über all das sollten wir in den kommenden Wochen und Monaten unbedingt ausführlich sprechen und handeln! Ja, und wenn wir städtische Kulturräume nicht vor Real Estate Investoren schützen können, dann müssen wir das Real Estate Business eben gesetzlich dazu in die Pflicht nehmen!
Zu schön 🤩
Leute, es gibt Neuigkeiten. Wir schreiben den 08. April 2022 und es gibt tatsächlich die erste Staatsakt-Band bei TikTok. Hatten intern lange darauf gewettet, dass es die Psychedeliker von International Music sein würden aber damit komplett falsch gelegen.
Operation Schönheit
Die Rede ist selbstverständlich von Chris Imler. Das Titelstück Operation Schönheit ist eine treffende Analyse des Selbstoptimierungszwangs unserer Gegenwart. Mit Co-Autor Jens Friebe durchoptimiert.
Auf den letzten Drücker
Der zweite Newsletter nach der Zeitenwende und die Ereignisse überschlagen sich weiter: Also wenn die deutsche Automobil-Regierung plötzlich ein 90-Tage-Ticket für 9 Euro für den öffentlichen Nahverkehr beschließt, dann muss die Situation wirklich sehr ernst sein. Und wenn Robert Habeck den erst besten Flieger nach Katar nimmt, erst recht.