5 JAHRE ZUKUNFT
Es gibt doch nichts über die Jahresrückblicke und Jahresbestenlisten. Noch einmal über alles freuen oder aufregen, und dann ist endlich Schluss. Bevor es in wenigen Tagen wieder von vorne losgeht. Das erste Viertel unseres neuen Jahrhunderts, das einst mit der apokalyptischen Angst vor dem Millennium-Bug (Y2K) begann, liegt bald hinter uns. Oder um es im Brainrot-Sprech zu sagen: Six-Seven.
VINYLOSAURUS
Erstmal vorweg: Wir hätten dieses Jahr gerne 2.000 bis 3.000 Alben mehr verkauft. Es waren eben hier 200 weniger, dort statt 500 nur 300 usw. In der Summe nervt es! Vor allem in der Buchhaltung. Und klar, bei uns war die Konsumfreude auch mal größer! Dass ausgerechnet die Pandemie-Zeit uns noch mal einen echten Vinyl-Boom inklusive Fördergelder-Geldregen bescheren sollte, ist wohl das, was man „Ironie der Geschichte“ nennt. Unter normalen Bedingungen braucht die Welt eben gar kein Vinyl mehr. Zumindest nicht in den Mengen. Und zu den Preisen schon gar nicht. Im Vergleich zurzeit vor der Pandemie sind sie locker um 30 % gestiegen – in der Herstellung und bei den Endverbraucherpreisen. Ein echtes Luxusgut, auch wenn sich unser Alltag im Büro so gar nicht wie der eines Boutique-Betriebs anfühlt.
STREAMING
Die Long-Tail-Versprechen der Streaminganbieter scheinen zumindest bei uns auf dem Peak angekommen zu sein. Dass so viele Musiker:innen sich inzwischen auf Spotify als Sündenbock für ihr Leben in der Prekarität geeinigt haben, ist erstaunlich. So haben wir noch nie eine Band erlebt, die nicht auf YouTube stattfinden möchte – oder auf Amazon. Fürs Protokoll: YouTube zahlt fürs Streaming noch schlechter als Spotify, und die Arbeitsbedingungen im Hause Amazon dürften hinlänglich bekannt sein. Und fragt doch gerne mal den Schallplattenladen Eures Vertrauens, wie der Amazon so findet! Sowieso: Wer glaubt, dass eine Indieband in den 90er-Jahren von ihren CD-Verkäufen leben konnte, der irrt leider gewaltig! Und klar, es gab Ausnahmen, aber die gibt es ja heute auf Spotify auch! Erstaunlicherweise zahlt Bandcamp, das Lieblingsportal aller Indiemusiker:innen, fürs Streaming überhaupt nichts (!). Aber klar, Bandcamp ermöglicht die D2C-Distribution aus der eigenen Nische heraus in die Nischen weltweit. Das finden wir auch sehr praktisch.
ARTIFICIAL INTELLIGENCE
Der über 30%ige KI-Anteil der inzwischen über 100.000 täglichen Song-Neuveröffentlichungen bereitet uns auf das kommende Popzeitalter vor: auf rein virtuelle Stars und Sternchen. Aber es ist ja nicht so, als hätten uns Kraftwerk, Daft Punk oder Warp Records nicht schon lange auf diese neue Welt vorbereitet, oder? Und es kann künstlerisch ja durchaus auch interessant werden. Ja, warum nicht eine virtuelle Avatar-Band?! Oder Avatare im performativen Dialog mit Musiker:innen?! Was Pop ja eh immer ist! Also ein interdisziplinärer, künstlerischer Dialog, der sich mit der Welt auseinandersetzt. Und bereits die Prog-Rock-Bands in den 70er-Jahren wussten junge Musiker:innen zu motivieren, eine Punkband zu gründen! Ja, keine Sex Pistols ohne Emerson, Lake & Palmer. Spannende, subkulturelle Gegenbewegungen sind also quasi vorprogrammiert.
MAGA
Kein Künstler, keine Künstler:in konnte 2025 mit der Medienpräsenz der MAGA-Gang mithalten. Wie Trump & Co. eine neue Kommunikationsstrategie aus Agitprop und Martial Law durchziehen, haben wir so auch noch nicht erlebt. Alles scheint erlaubt! Jede Empörung scheint immer gleich mit einkalkuliert. Die komplette Weltbevölkerung reagiert auf jedes noch so kleine Signal. Oder noch schlimmer: Sie hofft auf ein Zeichen der Hoffnung! Wie am Stuhl eines römischen Kaisers. Ein falsches Wort auch an dieser Stelle und es droht uns ein Einreiseverbot in die USA, eine Kreditkartensperrung oder sonstige Sanktionen. Klingt paranoid, ist aber längst Praxis. Und es ist davon auszugehen, dass die MAGA-Regierung diese Prozesse dank KI und Co. in nächster Zeit immer weiter optimieren wird. Wir sind jetzt schon entsetzt über die kommenden Skandalmeldungen bei der kommenden Fußball-WM: St.-Pauli-Fan in New York verhaftet!
RÜSTUNGSINDUSTRIE
Noch mal zurück zu Spotify: Viele Musiker:innen werfen Daniel Ek, dem ehemaligen CEO, ja vor, dass er in das Münchener Rüstungsunternehmen Helsing investiert. Im Vergleich zu dem, was wir gerade als Staat in die Rüstungsindustrie stecken, sind seine Millionen gelinde gesagt ein Witz. Und wir investieren ja auch fleißig in die US-amerikanische Rüstungsindustrie, damit Trump und Co. bloß nicht mehr mit den Zöllen raufgehen. Abgesehen davon, dass wir all das Kriegsgerät ja unbedingt brauchen. Weil wir uns ja von den Amerikanern emanzipieren wollen. Naja, also so langfristig. Und sicher wäre es wünschenswert, wir würden alle viel mehr Geld in Bildung stecken, in Nachhaltigkeitsprojekte, in die Kultur und was uns sonst noch so einfällt, wenn wir uns eine schöne Zukunft ausmalen. Aber klar: Dass sich inzwischen so viele Leute mit ihrem Investment am Kriegsapparat bereichern, ist wirklich erbärmlich. Vor allem, wenn man an die Soldat:innen denkt, die im wahrsten Sinne für die Rendite der anderen sterben! Dass wir in Deutschland unsere komplett kaputt gemanagte Automobilindustrie in Teilen gerade zur Rüstungsindustrie umbauen, macht ehrlich gesagt gerade auch wenig Hoffnung auf ein Happy End. Sowieso kann einem ein Europa, das sein neues Selbstverständnis vor allem über eine diffuse Idee von Kriegstüchtigkeit gewinnen möchte, nur große Angst machen. Und es muss die Frage erlaubt sein, was all diese Kriegs-Rhetorik mit dem gegenwärtigen Stadium des Spätkapitalismus zu tun hat! Mit seinen zerfressenen Märkten, den drohenden Klimakatastrophen, mit dem demografischen Wandel und der allgemeinen Frustration zwischen Inflation und Depression.
CROWDFUNDING
Ein kleines bisschen Hoffnung macht uns an dieser Stelle die jüngste Crowdfunding-Aktion des tollen Hamburger Radiosenders ByteFM. Sie haben an nur einem Wochenende mehr als 100.000 Euro gecrowdfundet! Für ihren geplanten Studioumzug. Es wird noch fleißig weiter gesammelt. Hier kann man spenden. Nicht auszudenken, was Menschen gemeinsam an Geld zusammentragen könnten, wenn es um die richtig großen Themen ginge. Losgelöst von kostspieligen, zum Teil hochkorrupten Lobbyverbänden. Und den Politiker:innen als schlechte Promoter:innen guter Ideen. Auch als Alternative zu den oben beschriebenen, nervigen Streamingportalen aus der Plattformkapitalismus-Welt scheint das gute alte Radio wieder zurückzukommen. Hier werden die Programme noch mit Liebe und Leidenschaft von Menschen gestaltet. Und wir als Plattenfirmen können Argumente mit echten Menschen austauschen! Wir erfahren persönlich, warum ein Song läuft – und warum nicht! Toll! Ab dem 01.01.2026 wird ByteFM endlich auch in Berlin über Radio-UKW zu empfangen sein. Da freuen wir uns jetzt einfach auch mal drauf!
SOZIALE SYSTEME
Die Wissenschaft nervt schon lange mit ihrem demografischen Gefälle! Sie warnen uns vor dem Tag, an dem sich die komplette Boomer-Generation in Rente befinden wird. Nun ist es bald endlich so weit. So ist es eigentlich schon heute vollkommen klar, dass sich für kommende Generationen das Renteneintrittsalter um mindestens ein Jahr erhöhen wird! Es scheint vollkommen klar, dass auch Beamte und Beamtinnen in die staatliche Rente einzahlen müssen, und es ist auch einfach nur logisch, dass Selbstständige einen Beitrag werden leisten müssen. Auch die KI-Konzerne und die vollautomatisierte Industrie werden wir in Zukunft für die sozialen Systeme zur Kasse bitten müssen! Und keine Sorge: All das Geld aus den Rentenkassen fließt ja am Ende eh wieder zurück in den Kreislauf des Lebens: an die Vermieter:innen, die Supermärkte und Co. KG. Möglicherweise sogar für Schallplattenkäufe aus dem Hause Staatsakt! Oder unser kleines, aber feines Sublabel Fun in the Church. Ansonsten ist so ein unterfinanzierter Sozialstaat natürlich immer ein gutes Totschlagargument. So ein Haushaltsloch eignet sich hervorragend, um immer wieder darauf hinzuweisen, dass an anderer Stelle dringend gespart werden muss. Und klar, auf gar keinen Fall dürfen wir unsere Reichen noch mehr belasten. Die Reichen müssen schließlich in der internationalen Champions League mit den anderen Reichen mithalten können! Ist ja auch wichtig für die Rating-Agenturen! Und die sich daran orientierende Kreditwirtschaft und Kapitalanlegerwelt. Nee, schon klar. Also was dachten Sie denn?!
DIE RECHTEN
Rein statistisch dürfte es inzwischen kaum eine Familie, Nachbarschaft, Verein oder Sonstwiegruppe ohne AfD-Wähler:innen geben. So viel zum Thema „Mit Rechten reden“. In den 90er-Jahren waren diese Leute alle noch brave Unions-Wähler! Ohne „:innen“, versteht sich! Ja, wer erinnert sich nicht an all die zermürbenden Familiendiskussionen mit Onkel Hermann?! Es wäre vermutlich das Klügste, perspektivisch aus dem unterkomplexen binären System von Links und Rechts auszusteigen und vollständig in Wertedebatten umzuschwenken. Parteiübergreifend. Ja, welche Politik für welchen gesellschaftlichen Wert – und welche Förder- oder Sanktionspakete sind dafür nötig?! Und sind sie verfassungskonform?! Also mit unseren Grundwerten vereinbar?! In solchen Diskursen befindet sich jeder Mensch automatisch in einer wie auch immer gearteten Mitte. Man könnte auch Manege dazu sagen. Oder Spielfeld.
ANTISEMITISMUS
Man kann an dieser Stelle nur Adorno zitieren, der den Antisemitismus einst treffend als „Gerücht über die Juden“ beschrieb. Oder als Grundlage aller Lügen, um die eigene Lebenslüge aufrechtzuerhalten. Und diese Denkschablone lässt sich natürlich problemlos auf jede andere Form von Hass auf das Fremde oder Andere übertragen. Und auf jede damit verbundene Ideologie. Aber die massive Rückkehr des Antisemitismus ist sicher das beunruhigendste gesellschaftspolitische Signal in dieser Zeit.
WEITER
Und trotzdem geht es weiter! Naturgemäß. Die Systeme erhalten sich bekanntlich selbst. Der Dispokredit will ständig neu ausgeglichen werden, die Miete und Heizung gezahlt, der Kühlschrank gefüllt und die Kultur schließlich gelebt werden. Wir werden uns weiter ärgern müssen über Äußerungen unseres Kulturstaatsministers oder Absagen der Initiative Musik. Wir werden uns freuen über die Zusammenarbeit mit unseren Künstler:innen und Partner:innen. Erfreuen an der Musik! Live und aus der Dose. Wir müssen hoffen auf eine für die Ukraine nur ansatzweise faire Lösung, die sich nicht wie ein kompletter Diktatfrieden anfühlt. Überhaupt dieses ganze Kriegsvokabular. Diktatfrieden. Wir wollen diesen fiesen Sprachvirus unbedingt wieder loswerden! Und die Welt braucht eine langfristige Lösung in Gaza. In Würde und Menschlichkeit!
Ja, wir glauben immer noch an friedliche Transformationsprozesse – ohne den ganz großen Knall! Und wollen uns nach all dem Geschreibsel aus der Sicherheitszone mit den drei letzten Single-Veröffentlichungen in diesem Jahr von Euch verabschieden:
Einmal Jakob Dobers, der uns mit Eine andere Dimension einen Song schenkt, in dem er sich Fragen nach der Zukunft in unserer Gegenwart stellt und sich dabei vor allem über sich selber wundert. Das Video gibt uns Wes-Anderson-Vibes mit einer liebevollen Jonathan-Richman-Schludrigkeit.
Aus einer komplett anderen Dimension kommen Chris Imler & Benedikt Frey zu uns gekrochen. Ihr Rework des FRONT-Songs Emotionslos bringt original 80er-Jahre-Dissoziations-Postpunk-Vibes, die auf aktuelle Club-Musik mit tollen 90er-Jahre-Referenzen treffen! Ein äußerst gelungener Tribal-Rave-Wave mit überraschendem, Go-Go-Funk beeinflusstem Kuhglocken-Gebimmel, als man gerade zur Bar gehen wollte! KILLER!, wie man an solchen Stellen gerne in die 12“-Maxi-Vertriebssheets schreibt. Aber hier stimmt es natürlich! Weitere FRONT-Remixe und Reworks werden 2026 folgen! Wir dürfen uns also weiter freuen! In allen Dimensionen!
Und zu guter Letzt geht es jetzt hier um fastmusic, den freundlichen Geist aus Leipzig zwischen The Duritti Column und Arthur Russell, der mit Zeitenwende seinen ersten deutschsprachigen Song veröffentlicht hat. Der Tune ist Ende November auf der EMIL-Preisverleihungs-Single des VUT erschienen. Nun endlich auch in Digitalien. Fastmusic macht in „Zeitenwende“ aus „Wende“ im Handumdrehen „Wände“ und wünscht sich für die Zukunft einen offenen, liebevollen, respektvollen, ja demokratischen Umgang miteinander. Gegen eine weitere Verhärtung aller FRONTen. Was Musiker:innen ja im Grunde schon seit Generationen so machen und in ihren Songs artikulieren. Und das in Zukunft auch wieder stärker machen sollten. Am Wir-Gefühl arbeiten. Die intensive Arbeit aller Künstler:innen am Ich-Gefühl der letzten Jahre darf jetzt auch mal für eine Saison oder zwei aussetzen.
So freuen wir uns auf all die kommenden Wir-Affirmationen!
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten Euch allen, ein paar entspannte Tage zwischen den Jahren und nur das Beste für 2026!
Wir haben Euch lieb. Und danken Euch für Eure Aufmerksamkeit! Und unseren Künstler:innen müssen wir abschließend noch mal danken für all die tollen Werke! Ohne Euch wäre das alles hier: Nüschte!
Euer: Staatsakt in the church.
PS: Am 08.01.2026 veranstalten wir übrigens zusammen mit der DRIFT-Agency einen Neujahrsempfang im Monarch in Berlin. OZAN ATA CANANI (solo) und ENPAL werden auftreten. DJ MELANIE legt ein paar heiße Scheiben für uns auf!
PPS: Ok, abschließend dann doch noch eine Top-10-Pop-Liste 2025, losgelöst von unseren eigenen Künstler:innen und Releases – wir können es doch auch nicht lassen!
- MARC RIBOT live beim Jazzfest Berlin im Quasimodo.
- Die Entdeckung von Mikel Rouse und seiner Band TIREZ TIREZ.
- WAR live beim North Sea Jazz in Rotterdam. The world is a ghetto!
- NATURAL INFORMATION SOCIETY. Als Platzhalter für die spannende Schnittstelle von Minimal, Jazz und Krautrock.
- WATER DAMAGE live in der Neuen Zukunft Berlin. Noiserock als heilsame Gruppentherapie!
- PROMPT (Buch bei MERVE). Die Praxis des kollektiven Schreibens! Ein Buch über die unheilige Allianz von AI und Kriegsministerien.
- DUMBO GETS MAD, Five Eggs. Der beste Italiener der Stadt!
- EDDINGTON. Joaquin Phoenix bringt das komplette Corona-Pandemie-Unbehagen zurück auf die Leinwand. Und Pedro Pascal weiß auch die Figur eines korrupten Provinz-Bürgermeisters mit einer ansteckenden Gelassenheit zu verkörpern. Ein Film gegen die Verdrängung!
- SMERZ – „You got time and I got money“. Stellvertretend für all die vielen tollen Pop-Songs aus dem Jahre 2025. Einige aus den Schreibfabriken der großen Musikverlage, andere aus den kuscheligen Bedrooms dieses wundersamen Pop-Planeten.
- BAND PEOPLE von Franz Nicolay. Das längst überfällige Buch über das schönste soziale Gruppengefüge überhaupt: die Band.





