Komm ins Team Chris!
Es ist schon erstaunlich, wie gerade in Berlin gewisse Leute geplante staatliche Kürzungen in der Kultur beklagen, die in den letzten Monaten vor allem dazu aufgefordert haben, alle Veranstaltungen, die mit deutschen Kulturgeldern gefördert wurden, zu boykottieren!
Als Old-School-Dialektiker:innen der Generation X gerät man in solchen Fällen schon mal an seine Grenzen.
Sowieso sollte uns doch hoffentlich allen sein: Sich in dieser Welt auf staatliche Kulturförderung als Lebensgrundlage zu verlassen, ist absurd.
Was wir viel mehr bräuchten, sind vernünftigere Rahmenbedingungen! Von Mindestgagen bis zur Monopolzerschlagung im Ticket-Verkauf ist gerade im Musikgeschäft die Rede, Über all das sollten wir in den kommenden Wochen und Monaten unbedingt ausführlich sprechen und handeln! Ja, und wenn wir städtische Kulturräume nicht vor Real Estate Investoren schützen können, dann müssen wir das Real Estate Business eben gesetzlich dazu in die Pflicht nehmen!
Aber mal abgesehen davon: Beschwert sich in dieser Stadt irgendjemand über ein Zuwenig an Kulturangeboten?!
Sicher nicht! Das Gegenteil ist der Fall! Vor allem wenn es um den Geldbeutel geht, also darum, was man sich in so einem Kultur-Monat alles leisten kann – und was nicht!
Und klar: Das sieht in der kulturellen Diaspora sicher anders aus. Aber möglicherweise auch nur aus der Perspektive von einigen sehr wenigen Menschen. Darum flüchtet man als Kulturmensch ja meist aus solchen Orten irgendwann in die große Stadt! Weil die (Sub-)Kultur dort nur so wenig Leute interessiert. Aber es wird sicher nicht leicht sein, die breite Bevölkerung davon zu überzeugen, das in gerade der Kultur ein besonderer Handlungsbedarf herrscht! Weil ja auch sonst überall Geld fehlt!
Ja, was kann man da machen? Freejazz-Konzerte beim Indie-Bäcker veranstalten? Lesungen beim Metzger? Avantgarde-Filme in der Tiefgarage zeigen?
Wir möchten an dieser Stelle vertrauensvoll an den Musiker und Autor Jens Friebe übergeben, der ein paar Worte zum neuen Werk von Chris Imler verfasst hat: The Internet will break my heart. Ja, möglicherweise hat dieses Internet viel mehr mit der erlebten Kultur-Krise zu tun, als uns allen lieb ist. Und vielleicht beschleunigt jedes noch so gut gemeinte Empörungs-Posting in den sozialen Medien den medialen „Superstorm“ (frei nach Noemi Biasetton) nur noch weiter! Und spielt am Ende vor allem den globalen Playern in ihre virtuellen Karten. Naja, wir lesen jetzt erstmal weiter! Old School digital in einem Newsletter. Jens Friebe über Chris Imler:
„Zeitgleich zum freien Fall der Welt ereignete sich in den letzten zehn Jahren der vielleicht nicht ganz so rasante, aber doch ebenso unaufhaltsame Aufstieg des Chris Imler. The Internet will break my heart markiert künstlerisch die bisher steilste Etappe. Wir sehen einen Mann, dessen Gesamtwerk ein Spätwerk ist, auf schwindelerregender Höhe seines Games. „So so, das Internet, das ist ja ein ganz brandheißes Thema“ höre ich es schon hier und da blasiert in den Logen zischeln.
Doch in Wahrheit ist das Thema leider von lästiger Aktualität. Denn erst jetzt entfaltet das world wide web sein gesamtes enttäuschendes Potential.
Alle Wunschträume von einer emanzipatorischen Wirkmacht der digitalen Multitude (wisst ihr noch, Negri/Hardt, haha!) sind so restlos ausgeträumt wie der arabische Frühling vom pränuklearen Winter verschluckt.
Während sie in autoritären Staaten von oben gedeckelt werden, dienen Soziale Medien in der sogenannten freien Welt vor allem dem Lumpenkapital zur Zersetzung humanistischer Standards, den Resten der Linken zur selbstzerstörerischen Polarisierung. Aber die niedlichen Tiervideos! Auch sie haben ihre Schattenseite, die Imler im Titelsong zur Sprache bringt: „Die Tiere in der echten Welt, sie stehen unter Druck…“
Ja, so geht die düstere Einleitung im Pressetext von Jens Friebe zur neuen Chris Imler Scheibe, die am 28.02.2025 erscheint. Sein bereits viertes Solo-Album, dass er wie schon das Vorgängeralbum Operation Schönheit zusammen mit Benedikt Frey produziert hat.
Das erste Video zum Titelsong, das im Grunde visuell da weiter macht, wo wir beim letzten Mal mit Disappoint me aufgehört haben und wieder aus der Videokunstschmiede von Markus S Fiedler stammt, zeigt uns, was wir uns im Internet eigentlich am allerliebsten anschauen:
Die Performance der anderen!
Mit dem für Imler typischen Acid trifft Postpunk Sound herrscht sofort eine aufregende Clubatmospähre in den heimischen vier Wänden. Das finden die jungen Leute sofort BRAT, während sich die älteren Semester eher an DAF oder Underground Resistance erinnert fühlen. Mit anderen Worten: Eine genauso behagliche wie unbehagliche, feierwütige, dunkle, sonische Musik!
Aber auch Imler’s anarchistisches Technopunk-Libretto weiss wieder zu überzeugen.
Es ist wirklich erstaunlich, wie er es immer wieder schafft, aus all den vielen losen Text-Bezügen, die oft auf Tour zwischen Bahnhofshalle, Hotelzimmer und Bühnensituation entstehen, am Ende immer wieder solch starke Pop-Tracks zu extrahieren!
Und hier, komm! Wir wollen doch auch noch ein paar aufmunternde Worte an all die jungen Leute da draussen richten, die sich gerade (nicht nur) um das Schmelzen der Kulturetats sorgen:
Chris Imler hat sich erst mit Ende 40 dazu entschieden, eine Solo-Karriere anzustreben. Ohne dabei auch nur eine Sekunde über die Verfügbarkeit von irgendwelchen Fördergeldern für sein Leben nachzudenken.
Das kommende Imler-Album wird – wie schon sein letztes Album – von der Initiative Musik gefördert. Worüber wir uns alle sehr freuen!
Aber Chris hat eben auch schon unzählig viele Alben ohne Förderung aufgenommen. Und Touren gespielt, in unzählige Projekten der Prekarität mitgewirkt! Und er hätte dieses Album ganz sicher auch ohne eine solche Förderung fertig gestellt.
Zur Labelperspektive: Bei einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 1:10, das ein solches Musik-Projekt in Deutschland heute gefördert wird oder nicht, können auch wir unsere Release-Pläne nicht nach den Bescheiden irgendwelcher Fördergremien richten.
An der Stelle schnell noch ein paar Worte zum Thema Fördergerechtigkeit: Selbst wenn man als Künstler:In oder Label gefördert wird, weiss man doch auch immer um die vielen anderen, die eben kein Glück mit ihrem Antrag hatten! Zu einer wirklich gerechteren Welt hat die Kulturförderung also nie beigetragen können! Höchstens partiell.
Was nicht heisst, das nicht auch wir weiter versuchen werden, erhoffte Förderungen mit leidenschaftlicher Antragsprosa an Land zu ziehen. Wären wir doch schön blöd! Oder wie es die Oma auszudrücken wusste: Geld kann man immer gebrauchen!
Drum komm ins Team Chris und bestelle noch jetzt.. äh nee: morge… moment… was steht hier? Erst in 3 Tagen?! So wie das in der Politik so läuft, heutzutage.. sein neues Album auf bandcamp vor!
Das Team Chris steht gewisser Weise für die Haltung: Kultur-Förderung kann sehr hilfreich sein, aber es muss immer auch ohne sie gehen! Sich als Künstler:in komplett von staatlicher Förderung abhängig zu machen, ist ganz sicher keine gute Idee! Erst recht nicht für die Kunst!
Sich auf die magischen Fähigkeiten eines Instagram-Posts zu verlassen, übrigens auch nicht!
Das neue Imler-Album erscheint hierzulande über unser Sublabel Fun In The Church, in Belgien und Frankreich über das tolle Label Moli Del Tro. Ja, ganz genau! Ein europäisches Joint-Venture! Weil Chris sich (nicht nur!) dort über die letzten Jahre einen ganz hervorragenden (Live-)Ruf erspielt hat! Das Booking übernimmt übrigens Henrietta Bauer mit ihrem Bretford-Imperium in Berlin-Weissensee.
Ansonsten empfehlen wir Euch heute das wohl erste, jemals remasterte Album auf staatsakt:
Das Debüt-Album von Nichtseattle aus dem Jahre 2019 mit dem schönen Titel Wendekid.
Wir haben es klanglich nochmal restaurieren lassen, bevor wir es dann auf Vinyl pressen liessen. Katharina Kollmann hatte damals alles komplett im Alleingang aufgenommen und produziert! Wir sahen noch etwas Luft nach oben im Sound, und was sollen wir sagen, der Prozess hat sich auf jeden Fall gelohnt! Es ist ein noch tolleres Album geworden!
Schön jedenfalls, das es nun endlich die komplette Nichtseattle-Discographie auf Schallplatte zu kaufen gibt: Haus, Kommunistenlibido und Wendekid.
Bei HHV gibt es von Wendekid eine auf 100 Stück limitierte gelbe Vinyl.
Sie soll uns für immer an den Bruch der Ampel-Koalition erinnern.
https://www.hhv.de/records/artikel/nichtseattle-wendekid-hhv-exclusive-yellow-vinyl-edition-1197156
In diesem Sinne!
Adventliche Grüße!
Euer:
Staatsakt.
PS: Sowohl Chris Imler, als auch Katharina Kollmann (Nichtseattle) oder Jens Friebe wirken im äusserst lesenswerten Staatsakt-Buch im Verbrecher Verlag mit: https://www.verbrecherverlag.de/shop/was-erscheint-ist-gut-was-gut-ist-erscheint-staatsakt-stories/


