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Hudey Hudey Dem Dem

Liebe Alle!

Obwohl wir heute am internationalen Weltfrauentag in Berlin gar nicht arbeiten müssen, schreiben wir Euch diesen Newsletter. Also: Erstmal alles Gute zum Frauentag!

Wir haben etwas Musik mitgebracht, die durchaus andockfähig ist, was feministische Diskurse angeht. Wobei es in diesen Songs vor allem um Beziehungsfragen und Ängste geht. Aber aus weiblicher Sicht erzählt. Mit Ausnahme von NITSCH am Ende, da geht’s eher um toxische Männlichkeit und Macho-Attitüde. Aber genau die macht diesen Tag heute ja so unverzichtbar! Vor allem die aus der ganzen Macho-Scheiße über Jahrtausende gewachsenen, immer noch real existierenden schreienden Ungerechtigkeiten: Wir denken an unbezahlte oder schlecht bezahlte Care-Arbeit, an Gewalt gegen Frauen, an permanente Unterdrückung, an ungleiche Karrierechancen oder an die in der Prekarität lebenden alleinerziehenden Frauen.

Reden wir lieber über Musik, denn an der Stelle können wir heute dank unserer tollen Künstler:innen wohlmöglich etwas sinnvolles beitragen. Als Mittelalte, weiße Cis-Männer-Label-Dudes der Generation X halten wir ansonsten heute einfach mal den Mund.


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Im ersten Song Krümel noch da von Nichtseattle geht es um ein schwer zu fassendes Gefühl der Einsamkeit. Wir lassen nun besser die Künstlerin selbst zu Wort kommen:

„Ich habe ein Lied geschrieben über einen ungeliebten alten Bekannten: Das Gefühl, lose zu sein. Eine Art Einsamkeit, ein Schmerz, der weit über romantische Beziehungskrisen oder -Wünsche hinausgeht. Er ist immer schon dagewesen auch schon bei dem kleinen Mädchen im kindereichen Familientrubel, das ich war und es kommt auch noch heute immer wieder mal vorbei. Es ist so eine Art Liebeskummer, nur chaotischer, man muss 10 Mal tief durchatmen, wenn er kommt und sollte keine Schlüsse daraus ziehen, weil er auch immer wieder vorbeigeht. Ich weiß nicht genau, woher das Gefühl kommt, ob es jeder kennt und ob es ein dem Menschen innewohnender Existenzschmerz ist oder ein familiäres Post-Trauma-Symptom. Oder ob es ganz persönliche, zu frühe Verlusterfahrungen sind, die nachbluten…

Klar ist, dass es nur dann kommt, wenn ich Menschen ganz besonders gerne mag. Diese Menschen, die ich weitaus öfter fest umarmen möchte, als es angemessen scheint. Einen von ihnen habe ich gefragt, ob er im Video zum Lied mitspielen und mir da gegenübersitzen würde. Ich hab‘ ihm einfach gesagt, dass es Kuchen gibt und er hat sofort zugesagt, was mich sehr gefreut hat, denn er ist Sänger und Schreiber der Band Tocotronic, nach deren frühen Song „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ ich mein musikalisches Projekt ja benannt hab,“ sagt Katharina Kollmann.

Was sollen wir sagen?

Film ab:


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Weiter geht es mit SINEM aus München. Einer neuen tollen Band um die Sängerin Sinem mit Martin Tagar von Friends Of Gas und Tim Wu von What are people for? an ihrer Seite. Sinem covern alte türkische Songs und siedeln sie irgendwo zwischen Postpunk und New Wave an.
Ihre erste Single Dem Dem aus der Feder von Kul Hüseyin erscheint heute auf unserem outernational Sub-Label Fun In The Church.
Und wieder geht es um Beziehungsfragen, genauer gesagt um Trennung und Verlust, aber wenn man so möchte, geht es hier nun um die positiven Aspekte einer Trennung. So sagt die Sängerin Sinem über dieses Lied:

„Dem Dem‘ begleitet mich schon seitdem ich denken kann. Wie die meisten türkischen Songs verbinde ich auch diesen automatisch mit meiner Familie in der Türkei und dem Land selbst. Türkische Songs schenken mir ein Gefühl von zuhause, egal in welchem Land ich mich aufhalte, wohne oder lebe. Der Song ist für mich eine Metapher für Trennung, der Distanz und der Sehnsucht, die sich daraus ergibt. Er zeigt mir aber vor allem die schönen Seiten einer Trennung. Trennung sehe ich nicht nur auf romantischer Beziehungsebene, eher generell, überall eben, wo Trennungen auftauchen können.
Ich finde Vermissen manchmal richtig schön, da spielen so viele Gefühle mit und viel zu fühlen macht mich lebendig, und auch das Vertrauen, dass man nicht vergessen wird, ist eine schöner Gedanke, der mir dabei hilft, eine Distanz erträglich zu machen oder sogar zu versüßen.“

„Hudey, Hudey, Hudey, Dem , Dem, Dem,
Auf den Straßen gibt es viele Räuber, viele Hindernisse,
vergiss nicht den nächsten in der Reihe der Dich liebt“
Heißt es da im Lied….. Also ins Deutsche übersetzt….


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Zum Abschluss bleiben wir in München bei NITSCH, dem inzwischen nicht ganz unbekannten Bromance-Duo bestehend aus Niklas Mitteregger und Nick McCarthy. SoSchön heißt ihre kleine Wanderphantasie im Songformart um eine toxische Beziehungsgeschichte, „Lass uns nie wieder streiten bitte, Zuhause ist es wieder scheiße“, singen die beiden männlichen Wandervögel und punkten damit nicht gerade in Achtsamkeitsfragen.
Aber ihre Phantasie des Entkommens aus dem eigenen Alltags- und Beziehungsleben teilen wir naturgemäß doch alle gern! Frauen wie Männer. Und alle Geschlechter dazwischen.


Wie viel aber von der ganzen Machoscheisse am Ende systemisch im Kapitalismus eingeschrieben ist, sollten wir uns heute auch unbedingt nochmal fragen. Sonst bleibt das in diesem Song beschriebene Wochenende in den Bergen eben immer nur das überteuerte Erholungs-Wochenende in den Bergen.
Spätestens Montag dürfen wir dann alle wieder zurück ins Home Office.

Na, und wer hat am Wochenende in unserer Abwesenheit die Wohnung geputzt?

In diesem Sinne!

Euer:
Staatsakt.