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Front und Träume

Während in den Medien gerade immer wieder die Realität mit dem „Project 2025“ abgeglichen wird, also dem vorab veröffentlichten politischen Fahrplan der aktuellen Trump-Administration, dessen Existenz Trump im Wahlkampf selbstverständlich noch leugnete, fragt sich der eher links aufgestellte Kulturmensch zur Zeit, wovon man in so einer verlogenen Welt eigentlich noch träumen kann.
Wenn deutsche Politiker:innen sich in Talkshows damit rühmen, dass es doch ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie sei, dass man überhaupt noch miteinander rede nach einem so harten, ebenfalls verlogenen Wahlkampf, möchte man schon fast eine Kerze für unsere neue Arbeitskoalition anzünden. Ja, möge das viele Geld, dass ja auch schon wieder nicht reichen wird, etwas nützen. Ja, geht bitte mit Gott, denn Gott hat ein unendlich großes Sondervermögen für uns:
Die Liebe.


Stefanie-Schrank-Pressefoto-2024-Ansgar-Hiller

Die Kölner Künstlerin Stefanie Schrank veröffentlicht heute ihre EP If you are truly wild at heart, you’ll fight for your dreams. Die Titel-Zeile hat sie sich bei David Lynch ausgeborgt.
Die EP behandelt das Aufwachen in einem Alptraum, irgendwann zwischen dem Ende der GroKo und dem faschistoiden Demokratieabbau der Administration Trump. Eigentlich sitzt Steffi gerade an ihrem zweiten Studio-Album, aber sie musste die jüngsten Ereignisse und die damit verbundenen schlaflosen Nächte erstmal irgendwie verarbeiten. Herausgekommen ist dabei diese 3-Track-EP mit einem nur im Titel an Suicide oder Springsteen erinnernden ersten Stück (Dream Baby Dream), einem Franz Josef Degenhardt Cover (Jeder Traum) und einem modularen Ambient-Drift (Sleep Mode), der viel zu schön ist, um dazu einzuschlafen.


FRONT-by-Ilse-Ruppert

Von Alpträumen der Gegenwart direkt in die German Angst der Achtziger Jahre. Besser gesagt: nach Hamburg in die BRD1. Hier verarbeitete die damals junge Postpunk Band FRONT die politischen Geschehnisse und ein neues Style- und Modebewusstsein aus dem transatlantischen Underground! Es waren die letzten, wilden Monate vor der bevorstehenden geistig-moralischen Wende mit Helmut Kohl und seiner Gruppe Die Union.

Wir sprachen bereits vor wenigen Wochen darüber: Das auf dem Label ZickZack geplante Album der Gruppe FRONT wurde damals nicht fertiggestellt. Aber es existierten Tonbänder!
So präsentieren wir heute stolz die erste Single des damals geplanten Albums, quasi das Mission-Statement dieser fantastischen, beinahe vergessenen Band mit dem programmatischen Titel: F.R.O.N.T.
Wir sehen im Video Zeitdokumente und hören eine neu-gemischte wie gemasterte Version der erwähnten Originalbänder. Style und Sound der Band könnten ebenso gut aus einem Neuköllner Keller von heute stammen.


maxine-troglauer-staatsakt-fun-in-the-church-by-Nora-Blum
Zum Abschluss noch etwas Jazz, der in den 80er Jahre viel näher am Punk dran war, als das heute der Fall ist. Vom No Wave in New York bis zu Bands wie Grabhund hierzulande war es vor allem der expressive Geist der andauernden Free-Jazz-Bewegung, der es energetisch locker mit neuen Spielarten von Noise- oder Punkrock aufnehmen konnte. Ohne diesen Geist hätte es ganz sicher auch keine Band wie Sonic Youth gegeben.

In der Gegenwart könnten diese beiden Genres und ihre Protagonist:innen gar nicht weiter voneinander entfernt sein. Während Punkrock sich konsequent antiakademisch und nonkonform gibt, dabei musikalisch auf einem Stand von vor über 40 Jahren stehen geblieben ist und seither große Hallen füllt, wurde der Jazz zunehmend akademisiert und durch massive Kulturförderung zu einer Art Safe Space einer westlichen Kulturelite. Und damit leider oft viel zu handzahm und berechenbar.
Aber selbstverständlich gibt es auch im Jazz nach wie vor faszinierende, progressive Geister, die in der Sache Anti-Establishment mit den meisten Punks auf Augenhöhe sein dürften. Hierzu zählen wir die in Wiesbaden geborene Bassposaunistin Maxine Troglauer, die im Juni auf unserem Sublabel Fun In The Church ihr Debüt-Album Hymn herausbringen wird.
Maxine Troglauer möchte sich selbst nicht einmal mit hundertprozentiger Sicherheit dem Jazz zuordnen lassen, denn ihre Musik ist genauso Neue Musik wie Klassik. Es bleibt also kompliziert!
Dennoch spielt einer der bedeutendsten Jazztrompeter unserer Zeit – der New Yorker Trompeter Peter Evans – auf ihrem Album mit. Ein majestätischer Sound mit unerhörten Resonanzräumen und Echokammern. Manchmal landet sie im Barock, um eine halbe Sekunde später schon auf einem fernen Planeten zu landen.

Um diesen Kreis zu schließen: Maxine Troglauer erforscht genauso wie Stefanie Schrank oder schon damals die Gruppe FRONT neue Möglichkeitsräume und Perspektiven.
Da fällt uns ein: Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten hat erst letzte Woche von Claudia Roth sein Bundesverdienstkreuz überreicht bekommen. Das hätte vor 40 Jahren doch niemand zu träumen gewagt.

Warum auch?
War immer schon staatstragend:
Euer: Staatsakt.