Parlament der Liebe
Da haben wir den Wurstsalat! Was sich lange abgezeichnet hat, ist vergangenen Sonntag bittere Realität geworden: Die AfD hat mit einer unfassbaren Mehrheit die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen und wird aller Voraussicht nach auch den künftigen Ministerpräsidenten stellen. Das BSW wird gerade als Steigbügelhalter gehandelt. Wir werden sehen!
Ja, haben die Bürger:innen diese in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem geltende Partei nun wegen ihres mit der Simson durch die Lande düsenden, gut gelaunten Spitzenkandidaten Ulrich Sigmund gewählt oder als Denkzettel in Richtung der Merz-Regierung in Berlin? Und haben sie die AfD trotz oder gerade wegen der Brandmauer gewählt?! The shadow knows!
Seit sich das Machtpendel in der Bundesrepublik nicht mehr im Walzertakt zwischen den beiden Volksparteien CDU und SPD hin- und her schwingt und es eben eine große Koalition der beiden Volksparteien des letzten Jahrhunderts braucht, um aus der sogenannten Mitte heraus zu regieren, wünscht sich ein immer wachsender Teil der Bevölkerung offenbar eine „Alternative für Deutschland“. Die Ampel war es wohl nicht! Dabei sind die Fragen nach der Finanzierung der oppositionellen Versprechungen offenbar völlig zweitrangig.
Und wie es sich für eine postfaschistische Partei gehört, weiß die AfD ihre Ressentiments gegen alle möglichen Minderheiten und politisch Andersdenkenden sehr medien- wie massenwirksam zu inszenieren. Da kann Kulturstaatsminister Weimer noch so vielen linken Buchhandlungen die Preisgelder verweigern: Es zahlt offenbar alles auf das Konto des sogenannten „Originals“ ein.
Aber sorry, liebe Medienmenschen, das Original ist hierzulande immer noch die NSDAP, oder nicht?
Dass Merz und Co. die Bürger:innen auf ihrem Reformkurs nur nicht richtig mitnehmen können, ist ein gerade sehr gern kommuniziertes Narrativ. Aber mal ehrlich: Welcher Mensch, der in der Prekarität lebt oder dem Armut droht, hat schon Lust darauf, noch ärmer zu werden?! Und wie soll man den Leuten das bitte stimmbringend verkaufen? Das schafft nicht mal Donald Trump!
So oder so: Ein Ende des Krieges in der Ukraine scheint genauso wenig in Sicht wie ein Ende des Konflikts in der Straße von Hormus. Ja, da hupt er uns was, der wütende Auto-Bürger in einer immer älter werdenden Gesellschaft!
Aber Mensch! Glücklicherweise sind wir ja hier im Pop-Geschäft, also bestenfalls in der außerparlamentarischen Pop-Opposition, und wollen doch heute ein paar schöne neue Musikstücke mit Euch teilen, um den ganzen Wahnsinn da draußen besser auszuhalten. Bei genauerer Betrachtung machen wir das mit staatsakt inzwischen seit über 23 Jahren so! Wir schwingen uns von einer Krise in die nächste.
Parlament der Liebe heißt das erste Lied der heutigen Newsletter-Ausgabe und stammt von der Türen-Urformations-Reinkarnationsband INVESTMENT. „Warum ist es so schwer, die Welt zu lieben?“, heißt es in dem Soul-Tune, frei nach Hannah Arendt und ihrem Begriff des Amor Mundi.
In der zugehörigen Podcast-Folge ihres „internationalen Frühschoppens“ sprechen Ramin Bijan, Gunther Osburg und Maurice Summen in knappen 25 Minuten über das faszinierende Phänomen der Liebe. Über gesellschaftlichen Zusammenhalt und über notwendige Empathiefähigkeit! Über Hefekulturen, Vergebung und eine mögliche Anwesenheit der Liebe in der Politik.
In wenigen Wochen präsentieren INVESTMENT einen Lyrik-Video-Film zum kommenden Album Wieder nur Lieder in ausgewählten Kinos in Berlin, Hamburg und Köln. Wir wurden in letzter Zeit oft gefragt, wie man sich so einen Lyrikvideoabend denn vorstellen darf. Nun ja, zu jedem Stück werden Lyrik-Videos gezeigt. Im Anschluss gibt es ein kleines Interview und dann noch ein Live-Set. Ja, ganz genau: Hits, Hits, Hits! Hier als schönes Beispiel die Adaption eines der vielleicht bekanntesten Lyrik-Videos aller Zeiten: Sign o’ the Times von Prince. INVESTMENT haben frech ein Lyrik-Video zu Parlament der Liebe daraus gemacht.
Weiter geht’s in diesem Liebesbrief mit NICHTSEATTLE und der letzten Vorab-Single aus dem kommenden Album Große Liebe, das der Musikexpress gerade erst zum Album des Monats gekürt hat! Die neue Single heißt Wildeste Nacht und bringt für Nichtseattle-Verhältnisse schmissige Party-Vibes in den bundesrepublikanischen Partykeller!
Das überaus gelungene 4. NICHTSEATTLE-Album Große Liebe erscheint am 25.09. als Doppel-LP, CD und in Digitalien.
Ebenfalls heute erschienen ist das Album Post Internet Era des gerade mal 25-jährigen Olafur Mowa! Ein Album, das mehr nach London als nach dem Sound einer Boombox beim Berliner Späti klingt. Aber hey, Berlin ist schließlich provinziell UND outernational. Einschlägige Blogs bezeichnen Olafur Mowa schon als den Berliner King Krule. Ja, warum denn nicht! Ist doch wirklich ein schönes Kompliment.
Post Internet Era erzählt von einer Handy- und Netz-Kultur, die unsere Kinder als Teenager vorgefunden haben. Sie kennen das Web vor allem als Plattformen der schonungslosen Selbst- und Fremdvermarktung zwischen erfolgversprechenden Influencer- und Creator-Accounts, die alle nur so lange Spaß machen, bis es erhebliche mentale Probleme gibt. Hier jedenfalls könnt ihr OLAFUR MOWAs Debütalbum als sehr liebevolle, generationenübergreifende Schallplatte abseits des Plattformkapitalismus kaufen, auch wenn dieser Link hyperironischerweise zu unserem Bandcamp-Account führt:
https://staatsakt.bandcamp.com/
Ein sehr schönes Interview zum Themenkomplex der Post Internet Era findet sich übrigens auch hier auf dem taz-Blog mit Andreas Spechtl, der über die Ideen und Hintergründe von WEIRD & EERIE spricht.
Seine neue Band mit Katharina Ernst; Anna Lunatvori und Thomas Köck wird übrigens am 22.10. in München in den Kammerspielen ihre erste Live-Show zum Album Folk Songs From The WWW spielen, das es nun endlich auch auf Vinyl gibt:
https://funinthechurch.bandcamp.com/album/folksongs-from-the-www
Zum Abschluss noch eine tolles Stück Remix-Musik! Andreas Dorau hat zusammen mit René Huthwelker eine Version des Songs WASSER der Hamburger Postpunk-Legenden FRONT angefertigt. Der möglicherweise beste REMIX aus der FRONT REMIX FRONT Reihe bisher.
Irgendwo zwischen DAF’s Kebab Träumen und FINI TRIBE’S Version von CAN’s „I want more“
Banger, wie die inzwischen auch nicht mehr ganz so jungen Leute sagen!
Wir sehen uns nächste Woche hoffentlich auf dem Reeperbahn Festival – und am Sonntag drauf im Berliner Wahllokal!
Euer
staatsakt.


