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Zu Spät

Ich habe wirklich sehr lange darüber nachgedacht: Was mache ich nur an meinem 50. Geburtstag?

Ein Konzert? Eine Spendenaktion? Eine Party? In diesen anstrengenden Zeiten? Irgendwie gerade keine Lust dazu. Liegt das etwa schon am Alter?

Möglicherweise waren auch die vielen tollen 20-Jahre-Staatsakt-Feierlichkeiten im letzten Herbst auch erstmal genug Feierei. Das Trennen von Beruflichem und Privatem ist in diesen Sphären ja eh so gut wie unmöglich. Was ja auch sehr schön ist. Meistens jedenfalls.

Aber dann wirklich gar nichts weiter unternehmen?

Natürlich nicht! Es kam die rettende Idee: Ich schenke mir einfach selbst einen Song! Wofür bin ich schließlich Musiker und Labelmacher in einer Person? Und darf darüber diesen Text hier schreiben? Ich dachte sofort an die Cover-Version des Tommi-Stumpff-Klassikers Zu spät.

Den hatte ich erstmals 2017 als Spacefuzzy zusammen mit meinem Freund Viktor Marek in Pakistan auf der legendären We Work In Space Tour aufgeführt. Mit von der Partie waren damals Ashraf Sharif Khan und Sebastian „Booty“ Reier. Eine unvergessliche Reise.

Die Version lag dann lange als Skizze auf der Festplatte, dann kam irgendwann die Pandemie, das Stück geriet langsam in Vergessenheit, bis Tommi Stumpff dann letztes Jahr leider viel zu früh verstarb. Dabei hätte ich ihm unsere Version echt gerne nochmal vorgespielt.
Zu spät.

Nun haben wir den Song endlich fertig produziert. Pünktlich zu meinem 50. Geburtstag. Bevor es wohlmöglich irgendwann einmal wirklich zu spät sein sollte. Das scheint ja ohnehin das knifflige Problem mit diesen 50. Geburtstagen zu sein: Der erste runde Geburtstag, an dem die vor einem liegende Zeit die bereits zurückgelegte Zeit wohlmöglich nicht nochmal übertreffen wird. Also in Jahren gemessen. Naja, was ist schon Zeit? Statistiken. Prognosen…

Irgendwer oder irgendwas kommt immer zu spät. Ja, was wäre das Pop-Geschäft ohne das Narrativ der verpassten Chancen?

Zurück zur Musik: Trombonist Jerome Bugnon aus dem Hause SEEED hat ein paar tolle Bläsersätze zu den frischen Fettuccini-Beats aus dem Ebbe-Road-Studios des Herrn Marek arrangiert und sie zusammen mit meinem Lieblingsaxofonisten Philipp Gropper eingespielt.Viktor hat den Tune schließlich endlich fertig gemischt, Gavin Weiss hat ihn in der alten Hansestadt für den Markt gemastert und da sind wir auch schon wieder: Zu spät 2024.

Der Popmusikforscher Florian Völker, von dem erst im letzten Jahr das lesenswerte Buch „Kälte-Pop“ erschienen ist, hat für uns diesen coolen Text zum Song verfasst. Ich empfehle Euch an dieser Stelle noch etwas heißen Kaffee nachzugießen. A good read:

„Zu spät“. Die Hitzewelle ist vorbei, macht es euch in der Kälte warm, ihr Scheißer!

Zurück ins Jahr 1982: Punk ist mittlerweile eine von Dogmatismus geprägte Subkultur geworden, die die immergleichen Motive wiederholt, ob nun Iro und Lederjacke oder Pogomusik und Krawall. Tommi Stumpff, einst Frontmann der als bad boys der Düsseldorfer Punkszene geltenden Gruppe KFC (KriminalitätsFörderungsClub), bringt sein erstes Solo-Album mit dem Titel „Zu spät ihr Scheißer. Hier ist: Tommi Stumpff“ heraus. Im titelgebenden Song „Zu spät“ zieht Stumpff ein resignierendes Resümee: Die Hitzewelle, die einmal von Punk – und anderen (Jugend-)Bewegungen – ausging, ist abgekühlt, der Wärmestau kalt geworden.

Der Kampf ist vorbei, nun gibt es nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren. Und während Punk von seinem eigenem Feuer aufgezehrt wurde, trug die Kälte der New Wave den Sieg davon: „Alles sauber, alles kühl“.

Tatsächlich schwappte zu Beginn der 80er Jahre eine Kälte-Welle über die bundesdeutsche Popmusik und breitete sich auch außerhalb der Popkultur aus. Künstler:innen aus dem Umfeld der sogenannten Neuen Deutschen Welle ästhetisierten und glorifizierten nun plötzlich alles, was in der auf Wärme und Hitze setzenden Gegenkultur und den mit ihr verknüpften, progressiven Musikkulturen traditionell als kritikwürdig bis verachtenswert galt: Künstlichkeit und Oberflächenästhetik, Industrie und Großstadt, Entfremdung und Gefühllosigkeit, Disziplin und körperliche Funktionalität. Statt aufzubegehren und sich zu widersetzen, galt es nun sich anzupassen und zu arrangieren in der modernen Welt. Ja-Sagen als postmodernistische Strategie.

Auch Stumpff akzeptierte das Gegebene, packte er doch seine Abrechnung nicht etwa in einen wütenden Punk-Song, sondern in das Gewand ebenjener kühlen New-Wave-Sounds: Elektronische Repetition und Monotonie prägen den Track „Zu spät“, der von minimalistischen Maschinen-Beats sowie Stumpffs zumeist emotionslos gehaltenem Sprechgesang durchzogen wird. Zudem fehlt dem Stück genaugenommen jede Klage – es ist wie es ist, das Spiel ist aus, lebt mit der Realität, ihr Scheißer! Wenn man die Welt schon nicht zu einem vermeintlich Besseren ändern kann, so kann man zumindest ihre Abgründe preisen: „Terror II“, „…Und so sterbt alle!“, „13 Minuten Massaker“ und „Contergan Punk“ sind dann die konsequenten Titel weiterer Stumpff-Veröffentlichungen.

Maurice Summens Version von „Zu spät“ kommt erst einmal deutlich wärmer daher, Bläser-Fanfaren machen aus dem Stück einen Dancehall-Track und schlagen dadurch eine Brücke zu Reggae und Rasta-Bewegung. Allerdings trügt die vermeintliche Wärme: Das Spiel ist noch immer aus, der Kampf noch immer verloren. Armageddon hat begonnen, die Welt bewegt sich weiterhin ihrem Ende entgegen. Die Intention bleibt dieselbe, ob nun in Stumpffs Untergangsvision oder Summens Rasta-Version: Babylon must burn!

Wer kann es ihnen verdenken? 50 Jahre in Pop heißt 50 Jahre des Aushaltens, 50 Jahre des Bewusstseins über die Aussichtslosigkeit aller Träume, die insbesondere mit Rockmusik und ihrer erhofften Wirkungsmacht einst verbunden waren. Doch die seit Mitte der 70er Jahre einsetzende Ernüchterung ist alles andere als lähmend und grau, vielmehr ist Dystopia grell, aufreibend und bunt. Pop lebt sowohl von Spannung und Disharmonie als auch von Adaption und Auflösung. 50 Jahre in Pop sind ein Gang zwischen Hitze und Kälte – Balance ist zwar ganz angenehm, aber man lebt für die Extreme, ihr Scheißer.

*Kälte-Pop von Florian Völker ist im DeGruyter-Verlag erschienen

https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783111247090/html?lang=de

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Zurück zum brandneuen Staatsakt-Produkt: Das Artwork von Markus S Fiedler führt die ikonische Linie des legendären Elvis Presley Covers über The Clash und Tommi Stumpff konsequent fort.

Markus S Fiedler hat nicht nur das Artwork, sondern auch diese Videoarbeit zum Release beigetragen. Wir sehen Angela Merkel als ungekrönte Königin des Aushaltes. Ja, Merkel-Raute for life!
Die Videoarbeit aus Fiedler’s 3D-Animations-Werkstatt zeigt uns, wie so ein Deepfake-Video wohl noch zu Merkels Zeiten ausgesehen hätte. Und das ist noch keine 3 Jahre her!

Ich möchte allen Leser:innen für die Aufmerksamkeit danken, für die virtuelle Gemeinschaft, möchte an dieser Stelle all die tollen Künstler:innen unseres Labels grüßen, alle hier lesenden Freund:innen, bedanke mich bei unseren Vertriebs-, Medien- und Geschäftspartner:innen, bei Jan Grunwald (Constantin Flux Fotografie) fürs fleißige web-en von Beginn des Staatsakts an, bei Florian Völker für die historische Einordnung, bei Jerome und den Gropper für die babylonischen Horns, bei Markus S Fiedler für die nun mehr über 20-jährige währende künstlerische Freundschaft, bei Viktor Marek, mit dem es nun auch schon bald 20 Jahre Freund- und Bass-Partnerschaft in crime sein werden, bei Markus Göres für die große freundschaftliche Unterstützung in meiner zugegeben nicht unchaotischen Musik-Bubble, der DQ-Agency für die angenehme Büro-GEMEINSCHAFT, bei Tommi Stumpff für die große Inspiration und last not least einen Gruß und Kuss an meine tolle Frau Gaby und meine funky Family. Keine Ahnung, wo oder wer ich sonst wie geworden wäre….Finds toll, wie es bisher gelaufen ist! Danke für alles.

Ich sende Euch allen herzliche Grüße aus dem tiefen Zentrum der Null von 50.

Euer:
Maurice (der von Staatsakt)

PS: Dass an meinem Geburtstag unbedingt an die Opfer von Hanau erinnert werden muss, daran ändert auch kein runder Geburtstag nur irgendetwas!

PPS: Herzlichen Glückwunsch auch an Stefan Trummer, Jan Kottisch und Eric Schmitz, die heute ebenfalls ihren Geburtstag feiern dürfen!