Zustände

Kaum sind wir zurück aus dem Urlaub, gibt es gleich wieder jede Menge Polit-News und Memes zu verarbeiten: Selenskyj trägt einen Anzug, Meloni verdreht die Augen und Putin zuckt unkontrolliert mit dem linken Bein. Frau Klöckner kämpft weiter entschlossen gegen uns linksversiffte (Medien-)Menschen und Jens Spahn dürfen wir weiter jeden Tag als den ungekrönten Aussitzkönig bewundern.

Laut Quantenmechanik gibt es ja nicht nur die Zustände 0 oder 1, sondern auch „vielleicht“. Um jetzt hier auch endlich auch mal die Doors zu zitieren: Vielleicht ist alles nur ein Traum! Tja, aber eben nur vielleicht.

Eine traurige Tatsache, die uns diese Woche trotz aller möglichen Relativierungsoptionen von möglichen Realitäten leider erreicht hat, ist der Tod von Alfred Hilsberg. Der legendäre Zick-Zack und Whats So Funny About Label-Macher ist nach langer Krankheit von uns gegangen. Danke für die unzählig vielen, tolle Platten, für den (Kultur-)Kampfgeist und für den nimmermüden Glauben an das, was heute als „Indie“ durch die Welt geistert (und gerne mit einem Musikgenre verwechselt wird).

Ohne die legendäre Doppel-CD-Kompilation „Bei Alfred“ der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) würde es staatsakt jedenfalls heute ganz sicher nicht geben…

Hier noch ein schönes Gespräch mit Alfred und Christof Meueler in der Jungle-World anlässlich der Buchveröffentlichung Das Zick Zack Prinzip, von dem sich Alfred schon vor der Veröffentlichung distanziert hatte. Er hielt das Buchprojekt für gescheitert.

Geführt vom Schreiber dieser Zeilen im Jahre 2016 in Wolfsburg:

https://jungle.world/artikel/2016/24/ich-fand-das-gut-durchdacht-damals-0

Ruhe in Frieden, lieber Alfred!

staatsakt-indie-label-stefanie-schrank-by-JJKessler

Wie kommen wir jetzt auf dem schnellsten Wege von Wolfsburg 2016 nach Köln 2025? Am besten durch einen Crossfade.

Stefanie Schrank hat ihre zweite Single Crossfade erst letzte Woche gedroppt und bereitet damit ihre gesammelte Follower:innen-Schaft auf den Release ihres zweiten Studio-Albums Forma hin.

Solange betreibt sie hier im Internet eine Art Reparatur-Werkstatt.

Was? Ein Herz kann man nicht reparieren?!
Steffi schon.


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Von Köln nach Berlin.

Hier arbeitet der Musiker Moritz Sembritzki. Weil ihm das Musikmachen am Laptop oder in einer kleinen Band schlicht zu langweilig ist, hat er eine Big Band gegründet, das Magnetic Ghost Orchestra.

Wer schon mal in einer Band gespielt hat, kann sich sicher gut vorstellen, wie es ist eine 17-köpfige Band zu organisieren.

Moritz Sembritzki schafft das offenbar recht mühelos. Vielleicht sollte er nebenbei noch ein wichtiges Amt in der Bundesregierung übernehmen!

Das Album Holding On To Wonder ist jedenfalls das bereits 3. MGO Album. Und das bereits zweite auf unserem Sub-Label Fun In The Church. Es erscheint – wie auch die neue Schrank – am 26. September 2025.

Staatsakt-Ultras erinnern sich vielleicht noch an die tolle Geburtstags-Gala im HAU vor zwei Jahren.

Die Band, die dort mit unseren Künstler:innen auf der Bühne stand: Das war das Magnetic Ghost Orchestra.

Die neue Single Atomic Numbers klingt dabei wie The Chap meets Duke Ellington. Darum haben wir auch Johannes Von Weizsäcker gefragt, einen Presse-Text zu schreiben.

Wer gerne gute Presse-Texte liest, findet ihn hier:

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Sich in Zeiten von Information Overload und Doomscrolling das Inquisitive und das Staunen zu bewahren, fällt schwer – insbesondere jenen, die berufshalber besonders darauf angewiesen sind. Für alle künstlerisch tätigen, aber auch für alle anderen, die sich gerne von bislang ungeahnten Ideenkombinationen inspirieren lassen, gibt es nun das perfekte Album; ein gesungenes Gespräch zwischen Künstlerinnen, eine Reise durch Klanguniversen, eine Musik gewordene Anregung zum Wiederentfachen einst leuchtender Augen.

Auf „Holding on to Wonder” korrespondiert zeitgenössischer Jazz mit 70er-Krimiserien-Soundtrack, Saxofon-Cluster mit Opernkoloratur, atonal mit sehr tonal, Bernstein mit Post-Punk, Duke Ellington mit Kraftwerk, irres Geschwirre mit strikter Organisation. Wer Moritz Sembritzki und seine Big-Band Magnetic Ghost Orchestra kennt, wird hierüber nicht erstaunt sein: Ähnlich versatil klangen sie bereits beim selbstbetitelten Vorgängeralbum aus dem Jahr 2022. Doch fügt sich der Dialog zwischen Stilen und Klängen und allem, was die so wollen, perfekt ein in das konversationelle Gesamtkonzept dieses Albums: Basiert auf einem fiktiven Briefwechsel zwischen einer jungen Schriftstellerin, Pen, und einer älteren Malerin, Bee, durchwandert das Album die Herausforderungen künstlerischer Existenz. Librettistin Alexia Peniguel, eine aktuell zwischen Berlin und London pendelnden Australierin, beschreibt die Genese von „Holding on to wonder” so: „Moritz‘ ursprüngliche Beschreibung mir gegenüber war kurz und prägnant: Er wollte eine Geschichte über zwei Frauen mit gegensätzlichen Persönlichkeiten und die Beziehung zwischen ihnen. Auch wenn ihre Geschichte von Konflikten und Traurigkeit geprägt sein könnte, sollte sie letztendlich positiv sein. Ich sollte mich an alltäglichen Motiven orientieren, ihnen aber einen Hauch von Fantasie und Staunen verleihen, um das Potenzial des Orchesters voll auszuschöpfen. Zu dieser Zeit dachte ich viel darüber nach, was es bedeutet, Künstlerin zu sein, und welche Unterstützungsnetzwerke künstlerisch tätige Frauen untereinander bilden. Nach einigen Gesprächen kamen wir beide zu dem Schluss, dass dies ein interessantes Thema sein könnte. Das Ergebnis war Holding on to wonder’”.

In ihrer Konversation berühren Pen und Bee die Flatterhaftigkeit der Inspiration, den Neid auf den Erfolg anderer, Existenzangst, Selbstzweifel und Einsamkeit, über die Schwierigkeit, jenen unschätzbar wichtigen „Sweet Spot“ zu finden, „where we flourish/where we are enough“ („wo wir aufblühen/ wo wir selbst genug sind“). Doch ergibt sich daraus kein endloser Strom aus Selbstmitleid und Düsternis. Vielmehr spielt das Orchester und singen die Sängerinnen Meryem Kiliç (Pen) in eher getragenem Jazz-Alt und Aylin Winzenburg (Bee) in exaltierterem Opernsopran, als sei ihre Partitur ein komplexes Farben-Video, ein ewig sich selbst durchdringendes Wimmelbild der Emotionen. „Your Letters“ etwa pulsiert somit in viele Richtungen gleichzeitig und beschreibt die aufgeregte Freude über einen neuen Brief. Bewusst werden die Briefe selbst nicht von den Sängerinnen gelesen, sondern von Peniguel und der Sängerin und Songwriterin Sera Kalo.

Bei aller Ernsthaftigkeit – oder gerade durch ihre textliche Existenz – Humor und spielerische Ironie nicht zu kurz: In „Trusting in the process“ – was für ein Songtitel! – reflektiert Pen beinah balladesk über Selbstvertrauen bei der Arbeit, um ihre Erkenntnisse schließlich durch Bees hochgradig psychedelisch gesetztes Operntremolo augmentiert zu hören. In „Waiting for inspiration to hit“ (zweiter Kandidat for Songtitel des Jahres) klingen die Bläser wiederum wie eine Veranda bei Nacht, und was schwallt da aus der Dunkelheit auf uns zu? Ein schöner, furchtbarer Nebel, in dem sich die rettende Idee versteckt. Selten wurde Inspirationslosigkeit inspirierter vertont.

Nachdem die Inspiration wieder gefunden wurde und die Protagonistinnen sich darüber ausgetauscht haben, erklingt knapp nach der Albummitte „Atomic Numbers“, worin beide immer wieder versichern, „There’s a playfulness in building on each other“, während die Band klingt, als sei sie ein Showtune-Orchester, das voll auf wavigen Psych-Rock steht – und schließlich den Gesang in einem grandiosen Staubsauger-Effekt absorbiert. Überhaupt sollten die sparsamen, oft subtilen Elektronikelemente nicht unerwähnt bleiben – oft benutzt Sembritzki sie als Kitt, der das Big-Band-Kaleideskop zusammenhält.

Wobei dieses Album nicht zuletzt dadurch beeindruckt, mit welch gelassener Tightness die Bläsersektionen sich gegenseitig Türen öffnen oder auch pointillistisch voneinander absplittern. Sembritzki navigiert die Musiker*innen, deren unbestreitbare Exzellenz nie aufdringlich wirkt, durch eine Vielzahl an Klang- und Stilwelten, als gehörten diese seit jeher zusammen.

Wieder zusammengeführt werden Bee und Pen am Ende des Titelsongduett, dem vorletzten Stück des Albums. Allerdings nicht ohne vorangegangene Crisis: Bee, die zunächst eher die Rolle der Altersweiseren, Beruhigenden einnahm, wird zum Ende hin immer verzweifelter über die jahrelangen Herausforderungen und Entbehrungen, vergräbt ein neues Gemälde, – woraufhin Pen als poetisch veranlagtes Wesen, ganz im Sinne der Konzeptkunst der 70er, suggeriert, vielleicht brauche das Bild die Erde und Wärme, um zu keimen! Ein regelrechter Streit spielt sich ab, während die Musik als Begräbnismarsch beginnt und immer mehr Zitate vorangegangener Motive entfaltet – nicht zuletzt eine Piccolo-Version der Melodie aus dem oben erwähnten „Atomic Numbers“. Schließlich vermag Pen Bee aus ihrer Sinnkrise zu ziehen.

Zum Schluss, im Stück „Why we do what we do“, singen sie: „We do it / For pleasure/ For payment/For a premium/The reasons/We make things/Are so limitless“ – Die Gründe, dafür, Dinge zu erschaffen, sind grenzenlos – genau wie dieses Album.

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Ansonsten freuen wir uns sehr darüber, den hoch-geschätzten Benjakon für Fotografie, Artwork und Social Media mit an Bord zu haben!

Erste Live-Termine dieser fantastischen Big Band gibt es auch schon:
26.09. Leipzig, Neues Schauspiel Leipzig

11.10. Altenburg, Paul-Gustavus-Haus
12.10. Berlin, House Of Music
06.12. Dresden, Kukulida
07.12. Berlin, B Flat

Weiter freuen wir uns auf das Pop-Kultur-Festival in Berlin nächste Woche.

Auf unsere Newcomer:innen Elfi live und auf den Donnerstag im Festsaal Kreuzberg.

Der VUT und die Berlin Music Commission laden gemeinsam ein zu einem Label-Markt (ja, auch wir werden mit einem Stand vertreten sein!) und einer Live-Bühne.

Der Schreiber dieser Zeilen spielt zum Ausklang noch gemeinsam mit Jörg Heidemann vom VUT ein paar Blues-beeinflusste Scheiben. Apropos Blues: fastmusic wird am Abend live auftreten!

https://www.pop-kultur.berlin/pop-up_berlin/

Ach, und hier noch ein Verkaufshinweis: Die tollen Platten von Maxine Troglauer (Hymn) und Richard Koch (Rays Of Light) sind endlich als Vinyl erhältlich.

Beide auf 300 Stück limitiert.

Greift Ihr zu?

Vielleicht?!

Na, hoffentlich.

Euer:
Staatsakt.