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Nichtseattle: Haus

VÖ: 12.04.2024

House Music

Das Haus ist ein wiederkehrender Topos in der Popmusik. Von Crosby, Stills, Nash & Young über Madness bis Harry Styles wurde es besungen. Ein ganzes Genre danach benannt: „House Music“. Auch Kammermusik fällt einem ein, schließlich besteht so ein Haus aus vielen unterschiedlichen Räumen. Behausungswörter überall! Die Suche nach einem Zuhause scheint elementar und universell.

Auch die Berliner Songschreiberin Katharina Kollmann alias Nichtseattle hat ihr jüngstes, ihr drittes Studioalbum danach benannt: „Haus“, auch wenn das Haus auf dem Cover-Artwork ein Zelt ist; Ausdruck von Behausung, aber auch Vereinzelung, Unsicherheit, Prekarität. Womit gleich einige der Fragen vorweggenommen wären, die das Album aufwirft.

Aber der Reihe nach: „Haus“ enthält 12 Lieder, die sich nicht nur mit der unterschiedlichen Beschaffenheit von Häusern und ihren Zimmern auseinandersetzen, sondern vor allem von den Gefühlswelten ihrer Bewohner:innen erzählen. Da gibt es diesen Hipster-Typen, der viel von Ästhetik und wenig von Liebe versteht. Es gibt eine alte, immer ordentlich gekleidete Frau mit traurigem Blick, die mit einem fast automatischen Lächeln und einem Panzer aus Würde ausgestattet ist, den sie sich im Laufe ihres Lebens in einer patriarchalen Welt zugelegt hat. Und eine jüngere Frau mit Arbeitshosen, sehnigen und wunden Händen, die dieser Lebensrealität entkommen will und schließlich rauchend und überfordert vor ihrer Utopie eines selbst zusammengezimmerten Hauses steht. Es gibt einen mittelalten Mann, der immerzu auf dem Sprung zu sein scheint, unter keinem Dach, hinter keiner Tür seine Schuhe auszieht, immer getrieben ist von eigenen oder gesellschaftlichen Ansprüchen, immer fleißig, und der trotz seines Herrenanzugs einen runtergekommenen Eindruck macht.

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Es gibt ein kleines Mädchen, das sich selbst den Sportbeutel um die Beine schlägt, alleine auf dem Weg zur Schule, so in Tagträumen vertieft, dass es ohne zu gucken über eine große Straße geht und fast angefahren wird. Es gibt einen Nachbarschaftschor, der im Gegensatz zu vielen anderen Figuren im Haus, das Leben und das Zusammensein zu genießen weiß, der singt und tanzt und weit entfernt davon ist, aufzuhören.
Und es gibt verschiedene Augenpaare, solche, die freudig strahlen, solche, die nervös und nie geradeaus schauen, solche, die in ihr Gegenüber eintauchen und solche, in denen nur kurz Ruhe zu finden ist.
Es deutet sich an, dass das Zuhause keine Wohnform und kein Lebenskonzept ist, sondern in so etwas wie Liebe und Beziehungsfähigkeit schlummert, etwas das nicht nur romantische Zweierbeziehung meint, sondern etwas Fundamentales, das Solidarität und Verbindung schaffen kann, wo und wie auch immer man ist. Etwas das zu kurz kommt, in einer Zeit, in der alle um die eigene Behausung zu ringen gedrängt sind. Ein Haus ist kein Ding, sondern ein Verhältnis.

Künstlerïn: Nichtseattle

Attribute

U

nd so stellt sich bei all dem Personal, das Katharina Kollmann uns so wunderbar nahebringt, natürlich auch die Frage nach den Besitzverhältnissen. Wem gehört dieses Haus eigentlich, und warum? Und in welcher Lage befindet sich dieses Haus? Was macht so ein Haus mit uns? Als Ort der Sicherheit, als Schutzraum, als Dach überm Kopf. Aber eben auch: als Projektion. Als Kapitalanlage. Als Investment. Als Real Estate. Wenn die Bedürfnisse des einen zum Profit des Anderen werden. Und was sagt das eigentlich über unsere Gesellschaft, in der Behausung nicht als das Grundrecht behandelt wird, sondern Ware ist, Ausdruck und Imperativ von „Eigenverantwortlichkeit“, „Selbstfürsorge“ oder „Glück“, dem Haustyrannen der Vereinzelung – und so zu Ideologie wird. Häuser bestehen hier aus Wänden, die trennen und nicht aus Dächern, die verbinden.

Immer wieder äußert Katharina Kollmann in Ihren Liedern den Wunsch nach einer möglichen Sippe, einem gemeinsamen „Unterstand“, einem Gefühl von Solidarität, das nicht an der nächsten Türschwelle endet. Es ist nicht weniger als die Suche nach einem Lebensmodell, in dem es sich auch als Frau gut, frei und liebevoll leben lässt und bei der man – bzw. frau – schnell und hart an seine bzw. ihre Grenzen stößt, die natürlich vor allem die Grenzen der Welt – wie sie eingerichtet ist – sind. So sind nicht wenige der Lieder auf diesem Album zwar einerseits als eine oft gescheiterte Haus- und Verbindungssuche der Künstlerin selbst zu lesen, stiften andererseits aber zugleich ein starkes Gefühl von Gemeinschaft. Vielleicht braucht so ein Haus mit acht Parteien am Ende des Tages ja gar keine acht Staubsauger. Und ganz bestimmt erzählt einem der gemeinsame Abend mit den Nachbar:innen mehr über das Leben als jede Netflix-Serie das kann.
Am Ende des Albums jedenfalls fühlen sich doch irgendwie all seine Protagonist:innen wie liebgewonnene Mitgewohner:innen anfühlen.

Aufgenommen wurde „Haus“ in Berlin-Kreuzberg gemeinsam mit ihrer Band, ihrem Produzenten Olaf O.P.A.L. und seinem Assistenten Sönke Torpus. Wir hören einen folkigen Indierock, der aber vor allem von Katharina Kollmanns eigentümlichen Gitarrenspiel lebt. Riffs, die wie kleine Mantren auf ihrer Bariton-Gitarre schwingen und sich harmonisch schwer einordnen lassen zwischen Orient und Okzident, zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Folk und Rock. Sie bilden das perfekte Gerüst für ihre Poesie.

Manch eine:r denkt beim Hören an PJ Harvey, andere gar an Nirvana, nur um sich im nächstem Moment an Gerhard Schöne erinnert zu fühlen. Aber eigentlich sind es immer unverkennbar Nichtseattle-Lieder, in denen diese unterschiedlichen Fäden aus ganz unterschiedlichen Biografien und Dekaden spielerisch und wie selbstverständlich zusammenlaufen. Und wie schon auf ihren beiden Vorgängeralben reichen ihr dabei klassische dreieinhalb Minuten selten aus, für das, was sie in ihren Liedern zu erzählen hat.

Tourdaten:

Nichtseattle Tour 2024
02.05. Kassel, Franz Ulrich (solo)
03.05. Brilon, Stadtschenke (solo)
04.05. Stade, Hansesong Festival (solo)
01.06. Neustrelitz, Immergut Festival
02.06. Hamburg, Aalhaus (Zusatzshow)
03.06. Hamburg, Aalhaus
04.06. Köln, Bumann & Sohn
05.06. Nürnberg, Soft Spot
06.06. Leipzig, Conne Island
07.06. Karlsruhe, Kohi
08.06. München, Kammerspiele
09.06. Frankfurt, Brotfabrik
13.06. Berlin, Frannz Club (hochverlegt vom Maschinenhaus)
08.-10.08. Haldern, Haldern Pop
11.08. Osnabrück, Hasefriedhof (solo)
wird fortgesetzt…

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