„Frauen und Musik machen das schönste Fest kaputt“

staatsakt. 02/2017

Deutschland im Winter
Am Tresen der Chauvinist
Nichts dazugelernt


Immer wenn ich an Christiane Rösinger denke, erinnere ich unsere erste Begegnung.
Wir hatten uns im Sommer 2008 verabredet um gemeinsam nach Hamburg zu fahren.
Andreas Spechtl war auch mit der Partie.
Wir beide ohne Führerschein.
Frau Rösinger am Steuer.
Aber bevor wir endlich im Auto saßen, gab es ein tolles Verabredungsmissverständnis für Wortverliebte.

Ich wartete im Lokal „Entweder Oder“ in der Oderbergerstraße in Berlin. Aber weit und breit keine Rösinger und kein Spechtl in Sicht.
Nach 30 Minuten Wartezeit ein besorgtes Telefonat. „Wo steckt Ihr denn?“, „Ja, wo steckst Du denn?“ „Ja, ich bin hier!“, „Ja, wir auch!“, „Nur wo?“...
Ratlosigkeit auf beiden Seiten.
„Also wir sitzen hier seit einer halben Stunde im Eingangsbereich“, „Ja, ich auch“.
Noch verwirrender.
„Also um sicher zu gehen, dass wir im gleichen Lokal sitzen: ich warte wie verabredet im „Entweder Oder“.
„Was?! Aber wir hatten uns doch im „Sowohl als auch“verabredet!“, „In der Kollwitzstraße!“
Großes Gelächter.
Bis heute ist übrigens ungeklärt, wer sich damals geirrt hat.

Wie groß war ein Jahr später die Freude, das Songs Of L. And Hate, das erste Rösinger-Solo-Album so gut bei den Leuten ankam.
Rösingers erste Band die Lassie Singers hatte ich als junger Teenager im Münsterland tatsächlich über den Soundtrack von Manta Der Film kennengelernt. Mein jüngerer Bruder spielte den Song Falsche Gedanken damals rauf und runter.
Musiker und Musikerinnen müssen schon etwas Besonderes schaffen, um meinen Bruder zu begeistern. Wobei, In the army now von Status Quo hat er auch immer rauf und runter gespielt...

Naja, in einer gerechten Welt würden die Lassie Singers heute mit der gleichen Selbstverständlichkeit rauf und runtergespielt werden wie Status Quo, aber wir alle kennen die Welt in der wir uns bewegen: Weiß, männlich, heterosexuell. Ein bisschen dümmlich, by the way.
„Frauen und Musik machen das schönste Fest kaputt“, wie manche Männer im Westfalenland immer zu sagen pflegen.
Ja, darauf eine Herrengedeck.
Und ein Prosit darauf, dass diese Gattung eines Tages aussterben möge. In the army oder sonst wo...

Heute erscheint endlich das Folgealbum Lieder Ohne Leiden, wieder von Andreas Spechtl co-komponiert und geschmackvoll instrumentiert.
Und auch wenn Christiane Rösinger sich mittlerweile lieber den „niederen“ Tätigkeiten widmet („Lob der stumpfen Arbeit“), gibt es sicher niemanden in dieser Sprache, der sich dem Themenkomplex „Frau über 50, unverheiratet, prekär in der BRD2“ dermaßen poetisch, ehrlich und lakonisch nähert wie die alte Lassie Sängerin.

Wer die Hoffnung auf eine Besserung in der (Pop)Kultur in Deutschland also noch nicht ganz aufgegeben hat (schwer genug!) der möge sich dieses Werk ▶︎auf der Stelle zulegen.
Ein preußischer Kaufbefehl!

Als Sneak-Preview auf den März hier abschließend noch das tolle Stück Relief von mESMO.
Leider überhaupt nicht selbsterklärend.
Holen wir aber in Bälde nach. Sowohl als auch.

Eure:
Staatsakt.

PS: Wo wir gerade über die fatalen Folgen von Chauvinismus sprechen...
https://www.change.org/p/free-welt-correspondent-deniz-yücel?source_location=petition_nav

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Früchte der Zeit

staatsakt. 01/2017

Liebe Zeit-Leser, Casio-Uhrenbesitzer und Smartphone-Benutzer!

War die Zeit früher langsamer?!

Eine interessante Frage, die vor allem deshalb so schwer zu beantworten ist, weil einem das Leben ja subjektiv betrachtet immer schneller vorkommt.

Ja, stehe ich hier gerade vor dem Spiegel mit einer Zahnbürste im Mund weil ich gerade aufgestanden bin oder weil ich schon wieder zu Bett gehe?
Dabei dreht sich die Erde immer langsamer um seine eigene Achse. Geschätzte 3-4cm weniger pro Jahr. So gesehen läuft es mit der Zeit also genau andersrum.
Ok, neue Frage: Erleidet die Erde langsam aber sicher ein Burnout?

Sind das bereits erste, ernstzunehmende Symptome für das allseits bekannte Syndrom?

So oder so reden wir Menschen ständig davon, dass einem die Zeit nur noch so davon rast, und auch mit Binge-Watching, Snapchat oder Tinder lässt sie sich kaum mehr aufhalten.
Nicht einmal mehr von seinen Kindern hört man noch, wie schrecklich langweilig der Sonntag im Schoße der Familie doch ist. Klar, weil im Schoße der Familie heute ein iPad liegt.

Großvaters Web 2.0

Um diesem Mysterium auf der Zeitachse des Lebens auf die Schliche zu kommen, haben wir nun die Experten-Gruppe Der Ringer aus Hamburg unter Vertrag genommen.

Sie bringen heute ihr Debüt-Album ▶︎Soft Kill heraus.
Dabei stammt der Begriff Soft Kill nicht etwa aus der Astrophysik, sondern aus der Militärsprache. Eine Soft-Kill-Waffe neutralisiert eine Bedrohung, ohne sie selbst zu zerstören.

Das hilft uns jetzt in unserer Zeitfrage null weiter, aber sie merken: Die Jungs haben was auf dem Kasten.

Wenn man denn Der Ringer trauen darf, dann verlieren wir unser subjektives Zeitempfinden in den Datenleitungen. Unsere Synapsen müssen dermaßen high-energy mäßig performen (so spricht man nun mal in der Medienwelt, sorry!) um sich virtuell mit anderen Menschen über die Datenleitung zu vernetzen, dass einem die Zeit der Anstrengung subjektiv immer extrem schnell vorkommt. Man kennt das aus der Raumbewegung: Ein Jet-Leg nach einem Langstreckenflug.

So gesehen ist jede Bewegung in der Virtualität immer eine Art Langstreckenflug.

Offline bleiben dann oft nur noch müde Orientierungslosigkeit und ein nihilistisches Rumoren in der Magengegend.

Der Ringer versuchen auf Soft Kill dieser Zeitproblematik mit einer gewissen Grundmelancholie zu begegnen. Als wollten sie sagen: Hey Zeit, Du bist uns nicht so wichtig, egal wie schnell oder langsam Du immer auch vergehst, wir hängen hier eh nur rum!

Beim Herumhängen schreibt die Band dann große Songs oder strickt sich einen Band-Schal. Oder bastelt an Webanwendungen wie zu Großvaters Web2.0-Zeiten wie diese hier.

Der Ringer

Abgang

Leider funktioniert das Programm weder auf dem Smartphone, noch im Safari-Browser! Aber ist ja auch schön, wenn heute mal etwas nicht sofort funktioniert: "Was hast Du heute gemacht, Schatz?!"
Ich habe die Spülmaschine repariert.

"Und läuft sie wieder?"

Nein.

Ansonsten empfehlen wir allen Menschen, die sich gerade fragen, wo denn schon wieder die Zeit geblieben ist das Stück „Bemerkenswerte Menschen“ von Die Regierung:

Die Regierung hat einst den polnischen Abgang gemacht, sich französisch verabschiedet. Jetzt sind sie wieder da. Bloß um uns daran zu erinnern, wie lange das denn schon wieder her ist...

Bleibt einem abschließend eigentlich nur noch Groucho Marx zu zitieren:

„Time flies like an arrow, fruit flies like a banana!“
In diesem Sinne schon ganz krumm vor Lachen:

Euer:
Obstschalenlabel

PS: Ja, ist das denn etwa schon „Das Ende“?

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History Retweets Itself

staatsakt. 01/2017

Ein Sonntag im Berliner Winter. Draußen rutschen die Kinder mit ihren Schlitten die Stadtparkhügel herunter. Drinnen Kaffeekuchen mit Teenagern, zusammen mit denjenigen erwachsenen Dringebliebenen, die nicht gleich im Freudenrausch ihre Langlaufskier aus dem Keller geholt haben.

„Twitter, diese Scheiße!“, raunt ein Teenager den anderen an, als er gerade seine Timeline auf dem Smartphone möglichst unauffällig nach neuen Funfacts durchforstet.
„Wieso? Kann man doch prima mit seinem Halbwissen im Bekanntenkreis punkten!“, werfe ich apfelkuchenschmatzend in die Runde.
„Da kann man doch genauso gut auf ein Regal starren!“, erwidert der Scheißefinder.
„Wieso genauso gut? So ein Regal ist doch voller Erinnerungen an die eigenen Lebensgeschichte!“.

Und schon werde ich wie im Schul-Unterricht abgefragt. Die Teenager scannen die Buchrücken in der Regalwand.
„Suicide? Was soll das sein? Ein Buch über Selbstmord, oder was?“
Klar, gleich mal den provokantesten Titel raussuchen.
„Nee, eine Biographie über die New Yorker Band. Sollte man mal gehört haben!“, antworte ich.
„Ist das Rockmusik?“
„Nee, eher elektronischer Rock-A-Billy!“

Verdutzte Blicke.

„Und was steht im Berliner Nachtleben so drin?!“
„Das ist ein schöner Fotoband mit Partybildern von der vor der Mauer-Zeit bis heute! Hat mir mein damaliger Vertriebspartner Rough Trade zu meinem 40.Geburtstag geschenkt“

„Cool! Hey Dude, hol mal raus!“

Das Buch liegt inzwischen auf dem Kaffeetisch und wird von den beiden neugierig durchforstet.
Ich erzähle ein wenig über die besondere Zeit der genialen Dilettanten, die Einstürzenden Neubauten, das SO36, die Galerie Berlin-Tokyo bis hin zur Loveparade.
Die beiden jungen Hip-Hop-Fans haben zwar keine Ahnung wovon ich hier begeistert doziere, sind aber von der Freakshow auf den Fotos durchaus fasziniert.
Auf einem Bild sieht man Joseph Beuys auffallend cool herumstehen.

„Wer ist das?“
„Joseph Beuys!“
„Wer ist das?“
„Er hat viel für das heutige Kunstverständnis getan! Jeder Mensch ist ein Künstler, war damals seine nicht unumstrittene Message.“
Verdutze Blicke. Oh, schon spät. Der Kuchen nur noch Krümel bloß. Die Sahne ist auch alle. Lasst uns den Tisch abräumen...

„Alles klar wir sehen uns, Jungs!“

Schweinesystem

Tja, so geht das mit dem kulturellen Gedächtnis und den Begegnungen darin.
Aber vielleicht ist es ja auch wirklich gesünder, sich junge Menschen erst einmal selbst in ihrem Bioptop umsehen und es selbst bezeichnen (Geil!, was für 1Leben, fett, nice, chillig etc.,) und erst ein paar Jahre später in der Bibliothek der Altvögel nachschlagen. Bei gewecktem Interesse!
Props gehen an dieser Stelle raus an alle Lehrer und Lehrerinnen, die sich jeden Tag selbst motivieren dürfen, dem Desinteresse ihrer Schüler mit Wohlwollen zu begegnen. Und kein cooles Bild von Joseph Beuys in ihren Leerbüchern stehen haben.

Als 1989 die Mauer fiel, war der Berliner Musiker und Produzent Tobias Siebert auch noch ein Teenager. Er war Fan der Postpunk-beeinflussten Popmusik aus dem Westen, allem voran The Cure, die zur Wendezeit gerade ihr wegweisendes Album „Disintegration“ veröffentlicht hatten.
Und „Disintegration“ heißt nun mit kleiner Vokalverschiebung ins Deutsche gebogen auch das erste Studioalbum seiner Band Klez.E seit über sieben Jahren: „Desintegration“.

Nun, wir haben im letzten Jahr einige Abende mit Tobias Siebert und seiner Frau und Managerin Annette Herrmann diskutiert, ob das heute erscheinende Album tatsächlich diesen Titel tragen sollte oder nicht. Ist das ein Leben in der Referenzhölle oder eine Ehrerweisung?! Oder Beides?! Und durch den Austausch eines Vokals natürlich vor allem Appropriation und eigenes Status-Update.

Es geht dabei auf ▶︎dem neuen Klez.E-Album vor allem um die bitterböse Enttäuschung, den ein damals noch Teenager aus dem Osten unter dem Mercedes-Stern im Westen bis heute erleben durfte. Und die Erkenntnis, dass der dystopische Sound auf dem Cure-Album eben nicht nur mystische, sondern vor allem auch gesellschaftspolitische Gründe hatte.
So was wird einem ja eh meist erst im Laufe seines Lebens klar, das gewisse ästhetische Erfahrungen einer Intuition folgen: Schon früh eine Ahnung von dem zu haben, was sich später im Leben einwandfrei bestätigen wird.

Ok, fassen wir am Ende also nochmal kurz zusammen: Schweinesystem #1 löst sich auf, Schweinesystem #2 macht sich breit, und das Gefühl von schwerer Melancholie mit Hang zur Depression - ausgelöst durch Schweinesysteme generell! - findet nach wie vor seinen modischen Platz im Popbetrieb.
Klar, das hätte man so schon auch bei Adorno nachblättern können, aber so Popfeindlich wie der Godfather der kritischen Theorie stehen weder Klez.E noch wir diesen Dingen gegenüber. Wir lieben im Pop vor allem die Musik. Und so lange man Orte wie diesen hier braucht, um seine Feelings mit anderen Peoples zu teilen, dann ist das eben so.
Anders geht es den Hip-Hop-Teenagern im Boombox-La-La-Land ja schlussendlich auch nicht. Die tragen nur noch keine Geschichte mit sich herum.
Aber auch davon handelt „Desintegration“.
Dass man gut drauf aufpassen muss, dass die jungen Leute nicht den falschen Leuten in die Hände laufen....

Und habt Ihr gemerkt?!
Kein einziges Mal „Trump“ geschrieben...

Zukunft ist alles!
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Euer:
Staatsakt.

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