History Retweets Itself

staatsakt. 01/2017

Ein Sonntag im Berliner Winter. Draußen rutschen die Kinder mit ihren Schlitten die Stadtparkhügel herunter. Drinnen Kaffeekuchen mit Teenagern, zusammen mit denjenigen erwachsenen Dringebliebenen, die nicht gleich im Freudenrausch ihre Langlaufskier aus dem Keller geholt haben.

„Twitter, diese Scheiße!“, raunt ein Teenager den anderen an, als er gerade seine Timeline auf dem Smartphone möglichst unauffällig nach neuen Funfacts durchforstet.
„Wieso? Kann man doch prima mit seinem Halbwissen im Bekanntenkreis punkten!“, werfe ich apfelkuchenschmatzend in die Runde.
„Da kann man doch genauso gut auf ein Regal starren!“, erwidert der Scheißefinder.
„Wieso genauso gut? So ein Regal ist doch voller Erinnerungen an die eigenen Lebensgeschichte!“.

Und schon werde ich wie im Schul-Unterricht abgefragt. Die Teenager scannen die Buchrücken in der Regalwand.
„Suicide? Was soll das sein? Ein Buch über Selbstmord, oder was?“
Klar, gleich mal den provokantesten Titel raussuchen.
„Nee, eine Biographie über die New Yorker Band. Sollte man mal gehört haben!“, antworte ich.
„Ist das Rockmusik?“
„Nee, eher elektronischer Rock-A-Billy!“

Verdutzte Blicke.

„Und was steht im Berliner Nachtleben so drin?!“
„Das ist ein schöner Fotoband mit Partybildern von der vor der Mauer-Zeit bis heute! Hat mir mein damaliger Vertriebspartner Rough Trade zu meinem 40.Geburtstag geschenkt“

„Cool! Hey Dude, hol mal raus!“

Das Buch liegt inzwischen auf dem Kaffeetisch und wird von den beiden neugierig durchforstet.
Ich erzähle ein wenig über die besondere Zeit der genialen Dilettanten, die Einstürzenden Neubauten, das SO36, die Galerie Berlin-Tokyo bis hin zur Loveparade.
Die beiden jungen Hip-Hop-Fans haben zwar keine Ahnung wovon ich hier begeistert doziere, sind aber von der Freakshow auf den Fotos durchaus fasziniert.
Auf einem Bild sieht man Joseph Beuys auffallend cool herumstehen.

„Wer ist das?“
„Joseph Beuys!“
„Wer ist das?“
„Er hat viel für das heutige Kunstverständnis getan! Jeder Mensch ist ein Künstler, war damals seine nicht unumstrittene Message.“
Verdutze Blicke. Oh, schon spät. Der Kuchen nur noch Krümel bloß. Die Sahne ist auch alle. Lasst uns den Tisch abräumen...

„Alles klar wir sehen uns, Jungs!“

Schweinesystem

Tja, so geht das mit dem kulturellen Gedächtnis und den Begegnungen darin.
Aber vielleicht ist es ja auch wirklich gesünder, sich junge Menschen erst einmal selbst in ihrem Bioptop umsehen und es selbst bezeichnen (Geil!, was für 1Leben, fett, nice, chillig etc.,) und erst ein paar Jahre später in der Bibliothek der Altvögel nachschlagen. Bei gewecktem Interesse!
Props gehen an dieser Stelle raus an alle Lehrer und Lehrerinnen, die sich jeden Tag selbst motivieren dürfen, dem Desinteresse ihrer Schüler mit Wohlwollen zu begegnen. Und kein cooles Bild von Joseph Beuys in ihren Leerbüchern stehen haben.

Als 1989 die Mauer fiel, war der Berliner Musiker und Produzent Tobias Siebert auch noch ein Teenager. Er war Fan der Postpunk-beeinflussten Popmusik aus dem Westen, allem voran The Cure, die zur Wendezeit gerade ihr wegweisendes Album „Disintegration“ veröffentlicht hatten.
Und „Disintegration“ heißt nun mit kleiner Vokalverschiebung ins Deutsche gebogen auch das erste Studioalbum seiner Band Klez.E seit über sieben Jahren: „Desintegration“.

Nun, wir haben im letzten Jahr einige Abende mit Tobias Siebert und seiner Frau und Managerin Annette Herrmann diskutiert, ob das heute erscheinende Album tatsächlich diesen Titel tragen sollte oder nicht. Ist das ein Leben in der Referenzhölle oder eine Ehrerweisung?! Oder Beides?! Und durch den Austausch eines Vokals natürlich vor allem Appropriation und eigenes Status-Update.

Es geht dabei auf ▶︎dem neuen Klez.E-Album vor allem um die bitterböse Enttäuschung, den ein damals noch Teenager aus dem Osten unter dem Mercedes-Stern im Westen bis heute erleben durfte. Und die Erkenntnis, dass der dystopische Sound auf dem Cure-Album eben nicht nur mystische, sondern vor allem auch gesellschaftspolitische Gründe hatte.
So was wird einem ja eh meist erst im Laufe seines Lebens klar, das gewisse ästhetische Erfahrungen einer Intuition folgen: Schon früh eine Ahnung von dem zu haben, was sich später im Leben einwandfrei bestätigen wird.

Ok, fassen wir am Ende also nochmal kurz zusammen: Schweinesystem #1 löst sich auf, Schweinesystem #2 macht sich breit, und das Gefühl von schwerer Melancholie mit Hang zur Depression - ausgelöst durch Schweinesysteme generell! - findet nach wie vor seinen modischen Platz im Popbetrieb.
Klar, das hätte man so schon auch bei Adorno nachblättern können, aber so Popfeindlich wie der Godfather der kritischen Theorie stehen weder Klez.E noch wir diesen Dingen gegenüber. Wir lieben im Pop vor allem die Musik. Und so lange man Orte wie diesen hier braucht, um seine Feelings mit anderen Peoples zu teilen, dann ist das eben so.
Anders geht es den Hip-Hop-Teenagern im Boombox-La-La-Land ja schlussendlich auch nicht. Die tragen nur noch keine Geschichte mit sich herum.
Aber auch davon handelt „Desintegration“.
Dass man gut drauf aufpassen muss, dass die jungen Leute nicht den falschen Leuten in die Hände laufen....

Und habt Ihr gemerkt?!
Kein einziges Mal „Trump“ geschrieben...

Zukunft ist alles!
Retweet.

Euer:
Staatsakt.

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Isso, obwohl es gelogen ist – Ein Jahresrückblick

staatsakt. 12/2016


• Die Spex spricht von 2016 als Pussy-Jahr. Der Musikexpress macht aus dem Postfaktischen im Handumdrehen ein Popfaktisches. Die Intro feiert sich wieder mal selbst (25 Jahre Klolektüre #1) und am Ende ist eben mal wieder Ende und eines scheint schon heute gewiss: Es geht schon bald wieder von vorne los!

• Man muss so ein Jahr aber auch mal in Schutz nehmen: Was kann so ein Jahr schon dafür was in ihm nicht alles so passiert?! „Die Bühne nur, und nicht das Drama, nicht wirklich die Gefahr“, um mal wieder Die Sterne zu zitieren, die gerade auch ihren 25-Jährigen-Geburtstag feiern.
Herzlichen Glückwunsch! ✨

• Dass der Verlust des historischen Bewusstseins, was ja nur aus dem Gedächtnis heraus nicht mehr so richtig funktionieren kann (Aha, interessante These!) allen Ortens beklagt wird: Ja, what to do?! Wie macht man aus der jüngsten Historie schnelles, geiles Infotainment?! Müsste Sigmar „Siggi Pop“ Gabriel als ehemaliger Pop-Beauftragter der SPD da nicht ein bisschen was auf der Pfanne haben?! 3D-Kino im Geschichtsunterricht?! Sido rappt über Hitler?! Money „YSL“ Boy raucht Friedenspfeife mit Indianerhäuptling?! HBO gibt die Sache kurzerhand den Cohen Brüdern in die Hand?! Die Nazi-Killer mit Kevin Spacey und Sandra Hüller in den Hauptrollen?! ARD und ZDF bringen FUNK ins Spiel?

• Naja, wir haben hier 2016 eh nur noch dystoptische Depro-Wave-Bässe wummern hören: Von Isolation Berlin über All Diese Gewalt oder Nicolas Sturm, von ▶︎Futur II bis Friends Of Gas. Stimmt natürlich nicht ganz.

• Es gab auch noch den kleinen Kläffer mit Namen Spanky. Und Der Spielmacher. Und das Leben in der Großstadt. Und die St.Michael Front. Und am Ende machten doch alle zusammen lange Jazzgesichter.

• Seit 2016 ist der Tod endgültig fester, integraler Bestandteil der Popkultur geworden! Online-Kondolenz zu den Künstlern, die eben noch ihr letztes Alben im Sterbebett abgemischt haben.

Babyman zieht auch 2016 weiter sein ganz eigenes Ding durch.

• Das Theater als neue Polit-Soap: Wie die Volksbühne in Berlin über die Intendanz auf Lokal-Ebene selbst den US-Wahlkampf locker in den Schatten stellt. Ja, also falls Pollesch am Ende doch kommen sollte, hat er jetzt schon massig Material für seine Future-Text-Maschine.

• Apropos Text-Maschine: Peter Weiss 100.Geburtstag wäre genau am Tag an dem nicht etwa Thomas Anders starb gewesen sondern tatsächlich an dem Tag als Donald Trump gewählt wurde.

• Keine Sorge: Thomas Anderes singt und lacht (gegen den Zinseszins!).

• 2016 war auch ein Jahr des Urheberrechts: Moses Pelham gewann gegen Kraftwerk, Das Ich gegen seinen Musikverlag. Aktuell sammeln alle Verleger Bestätigungsbriefe bei ihren Künstlern ein. Mal schauen was mit denen passiert, die sich weigern zu unterschrieben.

• Was hat eigentlich der Papst zu Trump gesagt?!

• Und der Dalai Lama?!

• Kanye West hat sich ja eindeutig pro Trump positioniert und damit tatsächlich noch Menschen enttäuscht! Ein öffentlich ausgelebter Gott-Komplex ist ok, aber sich mit einem andern Despoten zu solidarisieren: Das geht eindeutig zu weit! Leute, er macht ein paar richtige fette Beats draus für Euch, dann passt das schon wieder! Und ein paar hübsche Donald-Sneakers gibt es obendrauf!

• R&B aus dem Hause Knowles: Die Musik zum Champagner, ja wenigstens Crement oder Rieslingsekt groovt immer noch am besten zum eigenen Superlifestyle zwischen Postporn und AirBnB.

• Man darf gespannt sein auf die kommenden Fake-News im Bundestagswahlkampf 2017. Da ist der Kreativität ja scheinbar keine Grenze gesetzt. Und richtig spannend wird es erst, wenn ordentlich in der 3D-Maschine gerechnet wird. Merkel bei YouPorn, Siggi im Puff in Amsterdam, Frau Petry im Bett mit einem farbigen Mann...

• Aus funky Faulheit wird bei Twitter und co. 1 neuer Jugend-Sprech. Die Sparkasse gönnt sie sich für 1 Werbung. Kiffende Teenager fühlen sich um ihre linguistische „Leistung“ aus Kanack-Slang, Legastheniker-Koketterie und Autokorrektur-Madness betrogen. Dabei haben sie die besten Lines auch nur retweeted!

• Der neueste Hit aus der Leak-Fabrik: Die Bundesliga-Leaks. Wir freuen uns schon heute auf die Fliesenleger-Leaks (Die Schwarzkonten zwischen den Fugen), Zahnarzt-Leaks (Fracking am menschlichen Körper: Wie die Halbgötter in weiß uns nur noch abrippen!) und last not least: Die Kapitalismus-Leaks – Wie wir uns alle den ganzen Tag im Rahmen der Legalität bescheißen und den juristischen Raum der Legalität wirklich nur dann verlassen, wenn wir ihn im Rahmen unserer Juristischen Möglichkeiten neu zu interpretieren gedenken. Wir prüfen das!

• Welcome Back Uli Hoeneß!

• Erstaunlich viele Fairphone-Bestellungen im virtuellen Bekanntenkreis, wenn man den Facebook-Advertisements trauen darf. Erbitten unbedingt Testberichte! Wollen doch auch nicht mehr nur noch am iBeach surfen. Auch wenn David Hasselhoff natürlich immer noch der schönste Bademeister der Welt ist.

• Viele Vegetarier trauen ihrer eigenen Ernährung nicht mehr, seit die Traditions-Fleischerei Rügenwalder auf den fleischlosen Train mit aufgesprungen ist!

• Da flippt er aus, der Tyrannosaurus Gas und spuckt Dir seine Zähne direkt vor die Füße!

Indievögel und Lizenz-Schnäppchen

• Die zentrale Frage lautete auch 2016: Wo ist mein Geld geblieben?! Schäuble riet uns zum sparen damit uns die Banken endlich wieder ihre Kreditzäpfchen in den ▶︎Pop-O schieben können. Läuft schon alles wieder wie geschmiert! Schäuble zufrieden. Merkel: Raute. Griechenland: Vergessen!

• Die neue Stones schon gehört?! Als Blue(s)print den USA unter Bedingungen der Unterdrückung entstanden, in Großbritannien mit ausgestreckter Zunge verwurstet (EMI), in Holland als Schnäppchen-Lizenz versteuert.

• In Deutschland stehen über 2 Millionen Wohnungen frei. Aber ohne Flüchtlings-Obergrenze ist mit der CSU kein Staat zu machen.

• Na, und wer hat da schon wieder keine Ahnung von Markt und künstlicher Verknappung und reißt mal wieder ordentlich die Fresse weit auf?! Die Indievögel vom Staatsakt mal wieder...

• Die verabschieden sich jetzt mit einem Poptune für die ganze Familie von mESMO. Das sind Vredeber Albrecht und Lars Precht, hier gemeinsam mit Zwanie Jonson, der sich in bester Chris-Rea-Manier am Ende eines turbulenten Jahres dazu entscheidet, doch wieder zurück nach Hause zu fahren.

Some more!

Für 2017 erwarten Euch auf der MS Staatsakt - an der kleinsten aber wild-sortiertesten Musik-Bar aus Heterotopia - Sounds von und mit Klez.E, Der Ringer, Christiane Rösinger, Die Regierung, mESMO, Chuckamuck, Doc Schoko, Boiband, All diese Gewalt (Re-Work+Live), Levin Goes Lightly, Andreas Dorau, Keine Bewegung II, Ensslin Research, Maurice & Die Familie Summen und some more!
Haltet die Ohren steif!

Eure:
Besserwisser mit Bambusleitung

PS: ▶︎Santo Klaus lässt grüßen!

© Copyright 2006 - 2017 staatsakt.

Haupti Schnaupti

staatsakt. 12/2016

Was das heißen soll?! Keine Ahnung.

Kann nur sagen: Viel los gerade! Und kann mir nicht auch noch für Euch Gedanken machen, was das am Ende alles bedeuten soll.
Bin eh nur hier um Euch mitzuteilen, dass es endlich so weit ist. Denn heute erscheint Santo Klaus, der Staatsakt-Weihnachtssampler gegen Nazis.

Warum schon heute?! Damit Ihr das auf 300 Exemplare limitiertes Vinyl auch noch verschenken könnt.
Und weil der auch schon zu Nikolaus geht.
Aber Nikolaus war doch schon am Dienstag?!

Stimmt, aber veröffentlichen mit allem Pipapo, so mit Brief und Siegel vom Vertrieb kann man eben immer nur Freitags.
Also heute.

Und ja: Der Sampler ist unbedingt als Weihnachten gegen Nazis-Statement zu verstehen.
Denn es ist ja nicht so, als würden AfD-ler oder Pegida-Demonstranten nicht auch Weihnachten feiern. Auch wenn Jesus ein Flüchtlingskind war!

Na, CDU-Parteitag?!
Wie steht’s denn nun um die doppelte Staatsbürgerschaft?!
Kann Jesus auf dem Papier ein Deutscher und ein Iraner sein?!
Nein?!
Er muss ein Deutscher sein?!
Dachten wir uns schon...

Ein himmlisches Dankeschön von Staatsakt-Seite aus an alle Musiker und MusikerInnen auf diesem Sampler (Ja, Panik, Andreas Dorau, Patric Catani, NRBQ, Daniel Freitag, Der Mann, Lambert, Stefanie Schrank, SWT, Freeman, Albrecht Schrader und Erfolg), an Gereon Klug (für die Linernotes) und Markus Siegfried Fiedler für das fantastische Artwork!

Ein gewisser Primel Jola schickte uns übrigens über Nacht diesen Netz-Fund. Ein quasi-Musikclip zum Song Weihnachten bei den Kubitscheks von Der Mann.
Tom Waits in Mecklenburg-Vorpommern! Das muss damals gewesen sein. Oder schon morgen ?!

Auf den Schock eine Thermoskanne Glühwein!
Melden uns nächste Woche nochmal zurück.
Besinnlich und voller Nächstenliebe...

Euer: Staatsakt.

© Copyright 2006 - 2017 staatsakt.

60/40 ist auch nur 08/15

staatsakt. 11/2016

„Hast Du schon mal überlegt einen Verlag zu gründen?“, wurde ich vor ca. 7 Jahren von einem der größten Musikverlage der Welt gefragt.
„Wir schließen dann einen Co-Verlagsvertrag mit Dir, das bedeutet Du nimmst nach Gusto die Künstler und Künstlerinnen unter Vertrag, wir geben das Geld und machen für alle die Administration“.
Das Konzept klang simpel und schlüssig. Ich nippte genüsslich an meiner Pfeife sagte zu.
Und natürlich bekam ich für die Zusage auf dieses Angebot noch einen Check obendrauf.

So sichern sich die großen Musikverlagshäuser seit Jahrzehnten den Zugang zu den Szenen und erweitern so nicht nur ihr Repertoire, sondern setzen vor allem auf den potenziell nächsten Westernhagen, Grönemeyer oder Lindenberg. Es gibt nie einen Hitgaranten, aber immer eine Chance auf den nächsten großen Hit! Oder jemanden, der einen solchen schreiben kann...

Wer nicht genau weiß, wie das Musikverlagswesen funktioniert, dem sei das an dieser Stelle kurz erklärt: Der Urheber schließt einen Vertrag mit einem Verlag ab, dem er die Administration seiner Werke auf Basis seiner Rechte übergibt. Der Verlag bekommt dann auf Lebenszeit 40% der Einnahmen, die über die GEMA eingesammelt werden. Für gewöhnlich lockt der Verleger den ewig klammen Musikus und Musikussinnen mit einer saftigen Vorschusszahlung, die der Künstler oder die Künstlerin normalerweise in voller Gänze an den Verlag zurückzahlen muss.
Ein ziemlich teurer Kredit, wenn man dabei an die 40% Anteil auf Lebenszeit nach Rückzahlung der Vorschussleistung denkt.

Das Ich. Das Urteil.

Nun hat das Berliner Kammergericht nach einer Klage von Bruno-Gert Kramm und Stefan Ackermann von der Neuen-Deutschen-Todeskunst-Band Das Ich beschlossen, dass es nicht rechtens ist, das die Verlage direkt von der GEMA die besagten 40% kassieren, weil das Geld ureigentlich in voller Gänze den Urheber- und Urheberinnen zusteht, und eben nicht den Verlegern, die schließlich nur eine Administrationstätigkeit betreiben – und keine Leistungsschutzrechte besitzen!
Das Urteil beruht im Kern auf dem vorhergegangenen Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem April zur Verwertungsgesellschaft VG-Wort, in dem beschlossen wurde, dass künftig auch den Buchverlegern kein Cent mehr aus den VG-Wort-Töpfen zusteht.

Natürlich herrscht nun eine extrem große Rat- und Fassungslosigkeit bei allen Verlegern in Deutschland.
Mensch, da fällt mir ein: Ich bin ja selber einer!
Ich muss aber gestehen: Besonders fruchtbar war die Zusammenarbeit meines Musikverlags mit dem großen Partner über all die Jahre nicht. Man war sich fast immer handelsuneinig und am Ende waren es gerade mal eine Handvoll Alben, die in dieses Co-Verlagsverhältnis eingebracht wurden.
Aber es interessiert mich natürlich trotzdem, wie es weiter geht. Denn eigentlich hatte ich mir schon ausgemalt, diesen Geschäftszweig langfristig auch noch auszubauen.
Außerdem gibt es gibt Kollegen und Kolleginnen in der Musikbranche, die arbeiten ausschließlich bei Musikverlagen und leben davon: Sorge!

Klar, irgendwie kam einem die Verteilung von 60/40 immer schon sehr gaunermäßig vor, und die Vormachtstellung der großen Verlage als Lobbyisten um den Rat der Weisen bei der GEMA schon immer auch mehr als dubios, aber alles schien wasserdicht, rechtens, mindestens tradiert, von teuren Anwälten für immer und ewig in Granit gemeißelt. Nicht mal das Internet, also YouTube a.k.a. Google, konnte ihre Verwertungslogik stoppen!

Es wird bis heute in Deutschland wohl kaum einen Musiker geben, der mit seiner Arbeit, also dem Komponieren und Dichten von Songs, so viel Geld verdient hat, wie sein Verleger. Denn der vertritt viele Autoren und Autorinnen. Und das – bei den großen Verlagshäusern – seit Generationen.

Mauern

Ja, da wird der vernünftige Mensch schnell erwidern: Es gibt ja auch keinen Maurer, der mit einem Handwerk so viel verdient, wie der Architekt, und kein Ingenieur, der so viel Kohle macht wie sein CEO, und erst Recht kein Autor, der mit seinem Buch so viel Geld erwirtschaftet wie sein Verleger: That’s Capitalism!

Nun, da es in den meisten Musik-Verlagsverträgen eindeutige Absprachen über diesen 60/40-Split gibt, wird sich das Urteil höchstwahrscheinlich bald wieder relativieren lassen – notfalls mit einer Reform des Urhebergesetzes!
Jenes Gesetz, das seine Urheber- und Urheberinnen bis heute davor schützt, sich komplett ausnehmen zu lassen. Denn die Urheberschaft gilt in Deutschland als unverkäuflich! Ich kann also jedem meine Songs verkaufen, aber die Urheberrechte an den Songs nicht.

Danke deutsches Urhebergesetz, Du Schutzheiliger alle klammen Künstler- und Künstlerinnen!

Die montierte Gesellschaft

Nun, ich möchte an dieser Stelle geschickt die Aufmerksamkeit auf den Berliner Künstler Mittekill richten, der es mit seinem Werk tatsächlich geschafft hat, im Rahmen des besagten Co-Verlagsverhältnisses einen Vertrag zu bekommen.
Wir veröffentlichten auf staatsakt im Jahr 2012 das Mittekill-Album ▶︎All but bored, weak and old und der Künstler konnte das Geld von meinem Verlagspartner seiner Zeit gut gebrauchen.

Heute erscheint das Album Die montierte Gesellschaft auf dem neu gegründeten Musiklabel Weltgast.
Friedrich Greiling, der Kopf hinter diesem Anything-Goes-Electropop-Projekt, lässt uns auf dieser Platte in seine jüngsten Theaterarbeiten von Berlin bis in den Balkan reinhören. Künstlerische Zusammenarbeit mit Flüchtlingen auf den Brettern, die uns die Welt bedeuteten. Gelungen ist ihm ein Album zwischen urbaner Clubkultur und folkloristischer Taverne, in denen die Angstbesetzen Flüchtlings-Themen mit Hammer und Schnaps zu leichten Liedern montiert werden, ohne dabei seine Intention - trotz des Warencharakters - auf dem Weg zum Produkt hin vollständig verloren zu haben.

Die montierte Gesellschaft ist am Ende nicht mehr oder weniger als zivilcouragierter Nischen-Pop, der sich den Zugang in die Gesellschaft der Gesellschaft eben hart wird erarbeiten müssen; so wie jedes andere Nischenprodukt ohne Elefantenmarketing auch.
Das Geld aus dem Vorschuss von einst ist natürlich längst verprasst.
Und von oben nach unten sickert auch in der schrumpfenden Wachstumsgesellschaft Deutschland immer weniger nach unten hin durch. Trotz des Comeback des Filterkaffees!
Das gilt auf der Vertikalen und auf der Horizontalen. Und nicht erst seit heute auch für Musikverleger- und Verlegerinnen.
Wir sehen uns heute Abend bei Mittekill am Tresen der Berghain-Kantine in Berlin.
2 doppelte Wodka bitte - für mich und mein Urheberrecht!

Euer: Verlegerschwein.

PS: Kommen very soon on staatsakt records:
- Die erste Single von Der Ringer aus ihrem Cyberblues-Album Soft Kill
- Cure-Not-curende Flammen von Klez.E
- Santo Klaus, der Staatsakt-Weihnachtssampler gegen Nazis und schließlich
- Home To You von MESMO feat. Zwanie Jonson

PPS: Urheberrecht hin, Urheberrecht her, aber Spanky gehört mir:

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